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Alles im Griff

Eine Erfindung aus Kirchheim unter Teck senkt den Fahrradsattel beim Anhalten automatisch ab

Wird stark gebremst, senkt sich der Sattel automatisch ab (Foto: Leonie Rörich / WRS)

Wird stark gebremst, senkt sich der Sattel automatisch ab (Foto: Leonie Rörich / WRS)

07.01.2015 | 

Pedelecs haben das Fahrradfahren auch für ältere Menschen attraktiver gemacht. Jedoch geraten besonders sie vermehrt in Gefahrensituationen und Unfälle, die mit einem sichereren Fahrrad, ob mit oder ohne Motorenunterstützung, vielleicht hätten verhindert werden können. Davon ist auch Fritz Bankwitz aus Kirchheim unter Teck überzeugt. Der Rentner fährt selbst in einer Seniorenradfahrgruppe und kam dabei auf die Idee, mit einem sogenannten Multifunktionsgriff Stopp und Start sowie das Fahren selbst sicherer und bequemer zu machen. „Ich habe schon ältere Leute beobachtet, die nach dem Absteigen gar nicht mehr zum Sattel hochkamen“, schildert er eines der Probleme.

Die Idee mit dem Griff hat Bankwitz zu einer Erfindung weiterentwickelt. „Multifunktionsgriff“ nennt Bankwitz sie deshalb, weil der Griff, vorne am Lenker angebracht, in einem Zug das Bremsen und automatische Absenken des Sattels und somit einen sicheren Stand für beide Beine ermöglicht. Der Sattel senkt sich dabei nur ab, wenn die Bremse so stark betätigt wird, dass das System einen Haltewunsch erkennt. Unter dem Sattel sitzt eine Gasdruckfeder, „das Absenken und Hochfahren funktioniert wie bei einem Bürostuhl“, erklärt der Erfinder.

Doch nicht nur das Auf- und Absteigen wird dank des Griffs einfacher. Bei Stopp legt die Gangschaltung den niedrigsten Gang ein. Eine weitere Funktion ist ein eingebauter Schiebe- und Parkmodus, damit der Sattel auf Wunsch blockiert ist und unten bleibt. Auch das Bremslicht ist an jeden Bremsvorgang gekoppelt. „Beim Kolonnenfahren ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, dass das Abbremsen rasch und auch bei Nacht sichtbar ist“, so Bankwitz.

Bevor der 78-Jährige zum Erfinder wurde, arbeitete er vierzig Jahre lang als Architekt. Als er in Rente ging, wollte er mehr als Kreuzworträtsel lösen, und begann in seiner freien Zeit an Erfindungen zu tüfteln. Nicht Häuser baute er mehr in seinen Gedanken, sondern Produkte, die nützlich sind. „Mein räumliches Vorstellungsvermögen kommt mir sicherlich zu Gute. Ich habe gelernt, mir Modelle im Kopf zu erdenken und sie später selbst auszuprobieren“, sagt er. Einige Erfindungen musste er wieder verwerfen, aber mit dem Multifunktionsgriff fürs Fahrrad hat es nun geklappt: Erfolgreich bewarb er sich beim Land um Förderung und erhielt Innovationsgutscheine, die eine Umsetzung möglich machten.

Einen Prototypen ließ er zunächst mit einem PC-Programm simulieren, ein 3D-Drucker spuckte dann die fertigen Griffteile aus. Der Fahrradhändler Heilenmann aus Weilheim bot sich als Kooperationspartner an und montierte die Kunststoffteile an ein Fahrrad, machte ihn so einsatzbereit und funktionstüchtig.

„Der Griff kann sowohl an normalen Fahrrädern als auch an E-Bikes angebracht werden“, so Bankwitz. Zwar ist dieser in erster Linie für Senioren gedacht, „Verwendung sehe ich aber auch durchaus bei jüngeren Kunden und Kunden mit Behinderungen, einem versteiften Rückenwirbel oder Gleichgewichtsproblemen“, sagt Juniorchef Heilenmann. Gerade beim City-Biken mache ein Multifunktionsgriff das Radeln allgemein bequemer, weil es vermehrt zu Stopps und Gefahrenbremsungen kommt, fügt Bankwitz hinzu. Der fleißige Erfinder sucht jetzt nur noch einen Produzenten, der den Multifunktionsgriff in Serie bauen möchte.