Die Margarete Ostheimer GmbH in Zell unter Aichelberg ist Deutschlands bedeutendster Hersteller für Holzspielzeug

Zu den bedeutendsten Herstellern zählt die Margarete Ostheimer GmbH in Zell unter Aichelberg in der Region Stuttgart. Seit dem Jahr 1939, als das Ehepaar Adeline und Walter Ostheimer mit der Spielzeugproduktion begann, ist aus dem Familienbetrieb ein großes, modernes Unternehmen mit 30 Zulieferbetrieben und 200 Heimarbeitern geworden. Heute gibt es 500 verschiedene Figuren, Bäume und […]

© Margarete Ostheimer GmbH

Zu den bedeutendsten Herstellern zählt die Margarete Ostheimer GmbH in Zell unter Aichelberg in der Region Stuttgart. Seit dem Jahr 1939, als das Ehepaar Adeline und Walter Ostheimer mit der Spielzeugproduktion begann, ist aus dem Familienbetrieb ein großes, modernes Unternehmen mit 30 Zulieferbetrieben und 200 Heimarbeitern geworden. Heute gibt es 500 verschiedene Figuren, Bäume und Häuser, von denen pro Jahr mehr als zwei Millionen Stück in Handarbeit hergestellt werden. Exportiert werden die hölzernen Schafe, Hühner, Pferde, Indianer und Kamele nicht nur in fast alle europäische Nachbarstaaten und nach Skandinavien, sondern auch in die USA, nach Südkorea und sogar nach Japan. Von Anfang an bildeten das von Rudolf Steiner entwickelte anthroposophische Menschenbild und die Waldorfpädagogik die Grundlage für die Entwürfe der Spielwaren.

Noch heute wird berichtet, wie der Kunstmaler Walter Ostheimer eines abends die Holzkugeln vom Ende einer Gardinenstange abnahm, sie bemalte, ein Tuch als Kleid darunter steckte, um im Handumdrehen Kasperlefiguren zu basteln. Dies war die Geburtsstunde der Ostheimer Holzfiguren und der Grundstock für viele Kollektionen von Kasperlefiguren.
Nach dem Motto "die eigene Phantasie ist der beste Spielgefährte" entstehen seit 60 Jahren liebevoll gestaltete und bemalte Figuren, die Fans auf der ganzen Welt haben. Zwischenzeitlich, in den 1950-er Jahren, hatte es gar nicht danach ausgesehen, als ob die kurz nach dem Krieg noch sehr erfolgreiche Spielzeugproduktion eine Überlebenschance hätte.

Der schwierige Weg zur ersten Holzfigurenkollektion

Ab 1929 arbeiteten Adeline und Walter Ostheimer Jahrzehnte lang gemeinsam am Aufbau ihrer Spielzeugfirma. Beide waren bis 1930 in der Entwurfsabteilung von Waldorf-Spielzeug in Stuttgart beschäftigt gewesen, einem kleinen Unternehmen, das auf die Herstellung von pädagogischen Spielwaren spezialisiert war. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation in Deutschland musste der Betrieb verkleinert werden, und das junge Paar wurde kurz vor der Geburt der ältesten Tochter Margarete entlassen.
Neben seiner Arbeit in einer Knopffabrik gelang es Walter Ostheimer eine eigene kleine Spielzeugproduktion mit Vertrieb aufzubauen. Er ließ von Thüringer Holzschnitzern nach seinen Entwürfen Hand geschnitzte Figuren und Kasperleköpfe als Rohlinge fertigen, in Stuttgart fertig stellen und – nach dem einzigen Sohn benannt – unter dem Namen Klaus Spielzeug vertreiben. Rund 60 Angestellte hatte die Firma im Jahr 1948 als die Nachfrage nach Holzspielzeug rapide zurück ging.1951 musste die Familie Ostheimer den Betrieb im bayerischen Unterwössen aufgeben. "Dass es heute wieder einen Markt für Ostheimer Spielwaren gibt, ist nicht zuletzt den Bemühungen des Müncheners Michael Peter zu verdanken, der ab dem Jahr 1958 kindgemäße Spielwaren vertrieb und Ostheimers davon überzeugen konnte, wieder Holzspielzeug herzustellen", erzählt der heutige Geschäftsführer der Margarete Ostheimer GmbH, Wolfgang Schühle. Die damals 29-jährige Margarete entschloss sich, neben ihrer Arbeit als Handarbeitslehrerin, die mutlos gewordenen Eltern zu unterstützen. Gemeinsam entwarfen Vater und Tochter die ersten Figuren der heutigen Ostheimer Spielzeug-Kollektion. Margarete lieferte die Entwürfe, der Vater brachte sie an der Säge und Schleife in die Form. Anschließend wurden die Figuren bemalt und lackiert. Auch heute noch wird jede Ostheimer-Figur von Hand bemalt.

Nach Walter Ostheimers Tod musste Margarete übernehmen

Schafe, Esel und Rehe waren die ersten Tiergruppen, die im Zusammenarbeit mit dem Vater entstanden. Neben den Eltern arbeiteten Freunde, Familienmitglieder und auch behinderte Menschen mit. Im Laufe der Zeit entstanden viele neue Tiergruppen mit Elefanten, Giraffen, Bären und Füchsen. Von Anfang an war zur Weihnachtszeit vor allem der Krippenengel beliebt, der, ebenso wie andere Figuren, bis heute eine ganze Menge Veränderungen mitmachen musste. Als es dem Vater immer schlechter ging, übernahm Margarete Ostheimer ab 1964 die Verantwortung für Entwürfe und Werkstatt alleine. Nach dem Tod von Walter Ostheimer im Jahr 1965 arbeiteten Mutter und Tochter regelmäßig bis spät in die Nacht.
Im März 1967 fand der kleine Spielzeugbetrieb im schwäbischen Zell unter Aichelberg endlich wieder einen festen Standort. Ein kleiner Abnehmerkreis von rund 40 Läden war entstanden, erste Verkäufe ins Ausland kurbelten das Geschäft an. Noch lebte die Firma – inzwischen als Pädagogisches Holzspielzeug Margarete Ostheimer eingetragen – von Mund zu Mund Propaganda, doch im Frühjahr 1968 wurde das anders: Margarete Ostheimer fuhr mit einem Köfferchen voller Spielwaren erstmals zur Spielwarenmesse nach Nürnberg und schrieb auf einem Schaukelpferd sitzend die ersten Aufträge. Anfang der 1970-er Jahre hatte die Firma, auch unterstützt durch Öko-Bewegung und ein neues Bewusstsein für Materialien und Rohstoffe eine gewisse wirtschaftliche Stabilität erlangt. Auch die wachsende Verbreitung der Waldorfschulen brachte eine Erweiterung des Kundenstamms.
Ästhetik und Qualitätsbewusstsein spielen für die Spielzeugproduktion eine ebenso wichtige Rolle wie das pädagogische Konzept. Das Holz ist so gestaltet, dass es mit seinen weich geformten Kanten schön in der Hand liegt; die dezenten, transparenten Farben verdecken nicht die Maserung des Holzes. "Durch künstlerisch gestaltetes Spielzeug in guter Qualität aus natürlichen Materialien wird der Sinn für Schönheit gefördert und für das, was Qualität bedeutet", sagt Margarete Ostheimer.

Die Welt von Ostheimer Spielzeug: Weiche Kanten, transparente Farben

Um die Entstehung der Figuren, Bauernhöfe, Ritterburgen, und Spieldosen kümmern sich heute, inklusive aller Lohnbetriebe und Heimarbeiter, insgesamt 300 Mitarbeiter. 250 externe Mitarbeiter stellen Holzfiguren durch alle Produktionsstufen hindurch her. Sie sägen, schleifen, malen und lackieren nach vorgegebenen Entwürfen. Die meiste Zeit nimmt der Schleifvorgang in Anspruch, denn alle Figuren werden frei Hand an einem Schleifgerät bearbeitet.
Ostheimer vertreibt die phantasievollen Figuren über den Fachhandel sowie über Kunsthandwerksgeschäfte, Katalogverkäufer und Kindergartenausstatter, 85 Prozent des Umsatzes werden in Deutschland erwirtschaftet. 15 Prozent entfallen auf den Export in fast alle europäische Staaten, die USA, Japan und Südkorea. In den ver-gangenen zehn Jahren konnte Ostheimer Spielzeug seinen Umsatz um das achtfache steigern. 500 Artikel umfasst das Figuren-Sortiment, jährlich kommen zehn neue hinzu. "Manchmal schicken Kinder Zeichnungen oder Briefe, weil sie sich über ihre Ostheimer Figuren sehr gefreut haben oder weil sie ein ganz bestimmtes Tier in der Kollektion vermissen", sagt Wolfgang Schühle. Ebenso wie über die Reaktionen der Kinder freut man sich bei Ostheimer auch über viele erwachsene Sammler, die ungefähr 30 Prozent der Käufer ausmachen.
Mit dem Ostheimer-Neffen Stephan Zech, seit 1998 neben Wolfgang Schühle Geschäftsführer für den Bereich Design, ist nun die dritte Generation am Ruder. Obwohl es längst kein reiner Familienbetrieb mehr ist und auch die Arbeitsabläufe professionalisiert wurden, ist der Kontakt zu den Mitarbeitern nach wie vor sehr persönlich. Seit 1959 arbeiten bei Ostheimer behinderte Menschen oder von akuten Lebenskrisen Betroffene. Eine Behindertenwerkstatt ist Ostheimer Spielzeug deshalb aber nicht. "Uns ist es wichtig, vernünftige Integrationshilfe für behinderte Menschen zu leisten und sie in den Kreis der übrigen Mitarbeiter aufzunehmen", erläutert Wolfgang Schühle.
Auf besonderen Wunsch von Margarete Ostheimer ist vor zwei Jahren eine Stiftung ins Leben gerufen worden, die den Namen "Walter und Adeline Ostheimer Stiftung" trägt. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, anthroposophische Initiativen und Einrichtungen zu unterstützen und im Geiste Rudolf Steiners zu fördern. "Margarete Ostheimer trägt diesen Schritt, Vermögen und Firma an eine Stiftung zu überschreiben mit innerer Konsequenz und Überzeugung, schließlich hätte das Spielzeug ohne die Anthroposophie nicht entstehen können. So ist es nur schlüssig, dass die Firma einen Teil ihrer Erträge auch wieder zukünftig anthroposophischen Impulsen zufließen lassen möchte", so Wolfgang Schühle.