Menschen in der Region Stuttgart

Der unerwartete Helfer

Heiner Scholz ist gesegnet mit dem Gespür für gute Ideen. Mit acht hat er Tintenfische vermarktet, jetzt ist er 40 und revolutioniert das Arbeiten. „Wer andere voranbringen will“, sagt er, „der muss sich selbst voll entfalten dürfen.“

Foto: Andreas Reeg

Foto: Andreas Reeg

22.02.2018 | 

Ein paar Schönwetterwolken verlieren sich über dem Flugfeld in Böblingen. Ein guter Ort, um Ideen fliegen zulassen. „Hier lebst du deine Arbeit“, heißt es auf einem kleinen Schild neben einer langen Theke, auf der frisches Obst auf die Belegschaft der Dexina GmbH wartet. Es gibt eine Kaffeemaschine, die keine Wünsche übrig lässt, und daneben ein Schneidebrett mit frischem Ingwer, dazu Zitronen für den Tee, einen Elefanten, in dem man ungestört ein Nickerchen machen kann, und ein Kinderbüro, in dem Erwachsene die Wände vollkritzeln. Und als wäre das alles nicht schon genug, steht da auch noch dieser Typ in verwaschenen Jeans und blauen Turnschuhen, lugt vertrauensvoll durch seine Randlosbrille und erklärt einem die Welt, jedenfalls die von morgen.

Es gibt Menschen, die sich Sorgen machen, wenn sie an den Wandel denken, an veränderte Mobilität, an das Wohnen und Arbeiten der Zukunft. Scholz ist da ein bisschen anders. Wenn die Lust aufs Neue ein Gesicht hat, dann gehört es ihm. Früher hat er sich steife Krawatten um den Hals geschnürt. Damals hat er gerne in Umsätzen gedacht, heute sind ihm die Grundsätze näher, zu denen er Smart Casual trägt. Das passt besser zur neuen Kultur des Arbeitens, die er jetzt vermarktet, wobei das so eigentlich gar nicht geplant war. Bei Nonkonformisten passieren eben öfter mal unvorhergesehene Dinge. Vielleicht lehnt er deshalb so locker an der Theke mit dem Behagen eines Mannes, der sich verwöhnt weiß von der Gunst der Stunde, die sich manchem offenbart, aber nicht von jedem erkannt wird.

„Ich habe das nie gemacht, um einen Porsche zufahren, sondern um etwas zu schaffen und um Freude zu haben“

Das Gespür für gute Ideen und kommende Märkte hat er schon länger. Das erste Mal wurde ihm dies bewusst, als er mit seinen Eltern in Spanien urlaubte. Er war acht, sie hatten nicht viel, und er saß auf einem schmalen Handtuch und beobachtete kleine Iberer, die ins Meer tauchten, um zum Spaß Tintenfische zu jagen und sie danach wieder ins Wasser zu werfen. Da regte sich der Jungunternehmer in ihm und also lief er mit den Burschen zum nächsten Restaurant und brachte dem Koch den noch an der Harpune zappelnden Tintenfisch, woraufhin dieser seine halbwüchsigen Lieferanten mit Eis entlohnte. Es waren noch zwei Wochen Urlaub und irgendwann gab es Pesetas für die Fische und am Ende konnte er sich selbst eine Harpune samt Maske und Flossen kaufen.

Das hat man in den Genen oder man hat es nicht. Ansonsten hatte der Heiner schulisch betrachtet eher durchschnittliche Gene. Er quälte sich durch die ersten zehn Klassen, ging für ein Jahr nach Amerika, wo man ihm in Mathematik eine besondere Begabung attestierte, die für Harvard gereicht hätte. Er kehrte gestärkt zurück, machte das Abitur und verlegte sich alsbald auf das, was er am besten konnte: Geschäftsideen fliegen lassen. Scholz schenkte sich das Studium und gründete lieber erste Firmen. Eher zufällig landete er bei einem britischen Headhunter, der Führungspersonal für IT-Firmen rekrutierte. Mit diesem Know-how gründete er 2006 gemeinsam mit einem Partner im heimischen Warmbronn die Dexina. „Das steht für Deus ex Machina“, erzählt Scholz, „für die im richtigen Moment auftauchenden, unerwarteten Helfer.“

„Wir haben für uns das Richtige getan und plötzlich gemerkt, dass auch andere so etwas wollen“

Zumindest den richtigen Moment hatten die Firmengründer erwischt. Als Projektmanager und IT-Spezialisten erzielten sie im ersten Jahr einen Umsatz von 350.000 Euro, im dritten Jahr waren es bereits 5,2 Millionen. Das Unternehmen wuchs, hatte zeitweise mehr als 100 feste und freie Mitarbeiter, Aufträge von Firmen wie Daimler, Audi, Würth oder Lidl. „Wir gehörten zu den Top Ten der deutschen Projektmanagement-Beratungsfirmen“, sagt Scholz, der sich dabei stets die innere Freiheit zu bewahren suchte. „Ich habe das nie gemacht, um einen Porsche zu fahren, sondern um etwas zu schaffen und um Freude zu haben.“

Weil sie in Warmbronn aus allen Nähten platzte, mietete sich die Dexina GmbH auf dem Flugfeld in Böblingen ein. Scholz wollte einen Platz schaffen, der auch Raum bieten sollte für das, „was anderswo zu Hause bleiben muss“. Er richtete viele individuelle Ecken ein: Plätze zum Denken, um Neues erschaffen zu können und Nischen, um auszuruhen und aufzutanken. Auch ein Kinderbüro wurde geschaffen, damit die Eltern nicht unter Stress kommen, wenn in der Kita mal wieder pädagogischer Tag ist. Das Team stellte fest, dass man auch zwischen spielenden Kindern denken kann und dass dies manchmal sogar inspirierend ist. Sie merkten, dass die Haptik aufgebürsteter Eichentische weit mehr die Kreativität beflügelt als die austauschbare Glätte des Furniertischs. Sie beschleunigten ihre Prozesse, indem sie alles verbannten, was Kommunikation erschwert. Flipcharts bekamen Hausverbot. Alle Wände können direkt beschriftet und gewischt werden.

„Wir haben für uns das Richtige getan und plötzlich gemerkt, dass auch andere so etwas wollen“, sagt Scholz. Er hatte zwei Unternehmern, für die er zuvor als Projektmanager tätig war, die neuen Räume gezeigt. Zwei Stunden nach der Führung klingelte das Telefon. „Wir haben gerade unseren Firmenneubau gestoppt“, sagten die Chefs. Wie aus dem Nichts hatte Scholz den ersten Auftrag, sein neues Konzept auch außerhalb der eigenen Wände zu verwirklichen. Wie einst bei den Tintenfischen griff er zu.

Das Projektmanagement der Dexina, das ohnehin nicht mehr so gefragt war, wurde zurückgefahren, der IT-Geschäftsbereich verkauft. Mit einem kleinen Team fing Scholz neu an. Seitdem berät er Firmen, die sich in ihren Arbeitswelten neu einrichten wollen und bietet „shared space“ an, gemeinschaftlich nutzbare Büroräume, in denen sich Kreativität entfalten kann, weil Leben und Arbeiten verschmelzen. Firmen wie Daimler haben sich bei ihm eingemietet, um die Mobilität der Zukunft an einem Platz zu erkunden, in dem das Arbeiten der Zukunft wohnt. Scholz vermietet pro Mitarbeiter und Monat und stellt alles zur Verfügung, was der Kunde braucht: von der Ananas bis zum Kopierpapier, vom offenen Gruppenraum bis zur abgeschlossenen Denkerzelle.

„Wir reden nicht von einem Wandel, wir reden lieber von Weiterentwicklung“, sagt der Selfmade-Unternehmer. Sich neu zu erfinden sei spannend, findet er, auch wenn die Revolution manchmal über Nacht komme wie beiden Digitalkameras, welche das analoge Fotografieren ersetzt und eine ganze Branche begraben haben. Damals hätten die Manager zu sehr in kurzfristiger Rendite gedacht und zu wenig in langfristiger Entwicklung, meint Scholz, der dazu rät, mutiger zu sein auf den Pfaden, die in keiner Landkarte verzeichnet sind.

Er selbst geht mit gutem Beispiel voran. Wohin seine Reise führt, kann er nicht mit Gewissheit sagen. Er weiß nur, dass er überzeugt ist und Lust darauf hat. Weil das so ist, denkt er längst wieder größer. In Stuttgart-Feuerbach plant er mit Investoren ein Coworking-Areal namens „Live at Stuttgart“. Auf 36.000 Quadratmetern sollen bis zu 2.000 Menschen zusammen arbeiten können. Es soll ein gutes Restaurant geben, ein Hotel, ein hübsches Kaminzimmer, Platz für Kunst, ein Fitness-Studio und auch ein Schwimmbad. „Ein Ort, der für immer ändert, wie wir arbeiten“, sagt Scholz.

In Böblingen auf dem Flugfeld ist derweil alles noch eine Spur kleiner. Während neben der Theke in der Küche die Lasagne im Ofen bruzzelt und im Kinderbüro die Stifte an der Wand tanzen, malt der Hausherr dicke Linien auf ein kleines Papier und philosophiert über die Zunft der Seiltänzer. Er mag das. Wenn er von den Artisten redet, redet er irgendwie auch von sich. Heiner Scholz ist eine Art Seiltanzunternehmer im Zirkus des Alltags. Stets in Bewegung, um in der Balance zu sein.

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.