Fortschritt in Kuchen

Fortschritt in Kuchen

Die historische Arbeitersiedlung zeigt ein Stück Industriekultur

Das ehemalige Bad- und Waschhaus (Foto: Gemeinde Kuchen)

Das ehemalige Bad- und Waschhaus (Foto: Gemeinde Kuchen)

30.08.2011 | 

Platz für große Familien, Kinderbetreuung um die Ecke, warmes Wasser in einer Badewanne und ein lichter, luftiger Arbeitsplatz - was den meisten Menschen heute selbstverständlich erscheint, davon hätten viele Arbeiter und Arbeiterinnen im 19. Jahrhundert wohl kaum zu träumen gewagt. Eine der wenigen Ausnahmen ist in Kuchen zu finden. Das kleine Dorf mit dem leckeren Namen war ein Zentrum der Süddeutschen Baumwollindustrie und wurde zum Vorzeigeort einer vorbildlichen Wohnsiedlung.

Der Schweizer Industrielle Arnold Staub hatte dort 1857 eine Baumwollspinnerei und -weberei aufgebaut. Bereits 10 Jahre nach ihrer Gründung war sie die größte Textilfabrik in Württemberg mit 500 Webstühlen, auf denen annähernd 30.000 Spindeln rotierten. Staub beschäftigte an die 800 Mitarbeiter. Um zuverlässige Arbeiter anzuziehen und auf Dauer zu halten, ließ der Unternehmer nach den Plänen der Architekten Georg Morlock und Leonhard Zeugheer eine der Fabrik angeschlossene Siedlung erbauen.

Während die Menschen woanders in dunklen Kellerwohnungen und in stickigen Räumen unter elenden Bedingungen lebten und arbeiteten, war die Werksiedlung in Kuchen mit modernen und fortschrittlichen Einrichtungen ausgestattet - für damalige Verhältnisse ein Novum in Deutschland. Es gab wasserdampfbetriebene Apparate, um das mitgebrachte Essens zu erwärmen, Schule, Kindergarten, Bibliothek, Lese- und Versammlungszimmer, Kaufladen, Apotheke und sogar eine kleine Krankenstation. Das Bad- und Waschhaus galt als Prunkstück der Arbeitersiedlung mit Schwimmbecken, Dampfbad, Badezimmern, Waschanstalt und Bügelzimmern. 250 Menschen lebten in der Siedlung. Im Gegenzug mussten sie nach den Regeln leben, die Staub aufgestellt hatte, der nicht allein ihre Not lindern, sondern sie auch zu guten, zuverlässigen Arbeitern und Bürgern erziehen wollte.

Die industrielle Mustersiedlung in Kuchen zählt zu den interessantesten Anlagen dieser Art in Mitteleuropa. Sie gilt als Geschichtszeugnis von überragender Bedeutung und beachtlichem künstlerischem Wert. Die verschiedenen neuartigen Siedlungselemente setzten sich um die Jahrhundertwende in der städtebaulichen Gestaltung durch. Das Kuchener Modellquartier war Vorbild für weitere Arbeitersiedlungen in Stuttgart. Im soziale Wohnungsbau sind im übrigen viele Elemente der modernen Architektur angelegt, wie sie beispielsweise vom Bauhaus vertreten wurden.

Die Siedlung erhielt bereits 1867 zwei Auszeichnungen. König Karl von Württemberg verlieh Staub das Ritterkreuz des Friedrichsordens und auf der Pariser Weltausstellung erhielt der Kuchener Unternehmner den Großen Preis mit Goldmedaille und wurde von Kaiser Napoleon III. zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Seit 1987 zeigt die denkmalgeschützte und sanierte Arbeitersiedlung ein Stück Industriekultur und kann nach Voranmeldung besichtigt werden.

http://www.kuchen.de/arbeitersiedlung.html

Quelle: Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS GmbH)