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Federleichte Pedelecs

Die E-Bike-Schmiede Remsdale in Schorndorf ist Technologieführer bei elektrischen Fahrrädern

05.10.2018 | 

Von Uwe Roth

Remsdale ist eine Manufaktur für besondere E-Bikes. Seit zehn Jahren produziert Till Rydyger in Schorndorf erfolgreich Pedelecs, denen man äußerlich nicht ansieht, dass ein Elektromotor den Radler flott voranbringt. Das kleine Unternehmen ist Technologieführer, will es bleiben, aber dabei nicht unbedingt wachsen.

Till Rydygers Spitzenmodell ist ein Leichtgewicht. „Heben Sie es mal hoch“, sagt er und zeigt auf ein Fahrrad, an dem auf den ersten Blick nichts Auffälliges zu entdecken ist. Eleganter Rahmen, Bremsscheiben, Gangschaltung und eine Art Rennradlenker. Aber es soll ein Pedelec sein. Also, wer weiß, was Pedelecs wegen ihres Batteriesatzes wiegen, spannt besser den Oberarmmuskel an, bevor er mit der Hand die Querstange umgreift, um es anzuheben. In diesem Fall ist besondere Muskelkraft aber überflüssig. Ohne Mühe könnte man das Rad eine Treppe hochtragen. „Es wiegt kaum elf Kilo“, erläutert sein Konstrukteur - Motor und Batterie inklusive. Ein gewöhnliches Rad wiegt zwölf Kilogramm und oft viel mehr.
High Tech ist an dem Rad alles: Der Rahmen ist aus dem Wunderwerkstoff Carbon. Das Material aus Kohlenstoffasern ist superleicht und gleichzeitig extrem stabil. Der Batteriesatz ist im Unterrohr verbaut, der Elektromotor in der Radnabe. Beides ist fürs Auge des Betrachters unsichtbar. Der Clou für ambitionierte Radler, die lediglich an Steigungen eine Antriebshilfe möchten, ist, dass sich der Elektromotor komplett abschalten lässt.„Das Pedelec läuft dann ohne Widerstand. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, hebt Rydyger den Unterschied zu den üblichen Pedelecs hervor, die für ihn nichts anderes als „elektrische Mofas“ sind. Seine Räder sind sozusagen zwei in eins: ein normales Tourenrad, das bedarfsweise zum Pedelec wird. Der Haken am Traumrad ist sein Preis: 8500 Euro kostet es in der Spitzenausstattung, kaum weniger als ein Kleinwagen. Der Preis ist im Wesentlichen dem Carbon geschuldet. Die schwereren Modelle mit Alurahmen sind ab 4300 Euro zu haben. Das hat Auswirkungen auf seine Kundschaft: „Die meisten Käufer sind zwischen 50 und 60 Jahre oder älter. Ganz junge sind eher selten“, sagt der Kleinunternehmer, der mit seinen 43 Jahren vom Altersdurchschnitt seiner Kunden noch etwas entfernt ist. Die meisten von ihnen kommen aus der Region, andere geben ihre Bestellung übers Internet ab.
Rydyger ist waschechter Schorndorfer. Der Firmenname drückt Heimatverbundenheit aus: Remsdale kommt von Remstäle. In Waiblingen hat er das Technische Gymnasium besucht; in Karlsruhe und Berlin Maschinenbau studiert. Zehn Jahre arbeitete er in der Autoindustrie, acht davon bei Daimler. Er ging, „weil ich mein Potenzial nicht entfalten konnte“, wie er im Rückblick mit einem Grinsen feststellt. Soll wohl heißen, dass er sein Tüftlertalent nicht ausleben durfte. Vom Vierrad weg, habe er schnell den Weg zum Zweirad gefunden. Denn es sei immer seine Leidenschaft gewesen - egal ob Rennrad oder Mountainbike. Allerdings habe er schnell gemerkt, dass der Wettbewerb unter den Herstellern recht groß ist. Das war 2006. In den Elektrofahrrädern sah er hingegen einen wachsenden Markt. Vor allem darin, diese den normalen Rädern immer ähnlicher zu machen. Für die geniale Idee, die Batterie im Rahmen verschwinden zu lassen, gab es ein Patent. 2009 machte er sich selbstständig.
Wer seine Manufaktur am Rand der Altstadt betritt, wo früher Kartonagen hergestellt wurden, merkt, dass ihm die Rolle des schwäbischen Tüftlers gefällt. Er kommt erst gar nicht auf die Idee, seinen Kunden mit Schnickschnack die Verkaufspreise schmackhaft zu machen. Im schmucklosen Schauraum stehen die verfügbaren Modelle nebeneinander. Einige sind bereit zur Probefahrt. Die Rahmenfarbe ist einheitlich schwarz. „Es ist die Farbe, die zum Produkt passt und auch noch in zehn Jahren schön anzusehen ist“, begründet er, warum es nicht zu seiner Philosophie passt, jedes Jahr neue Modefarben anzubieten. Sein Wunschmodell kann der Kunde nicht mitnehmen, sondern nur in Auftrag geben. In etwa zwei Monaten ist es abholbereit. Im Winter beträgt die Lieferzeit bis zu drei Wochen.
Die 200 Teile, aus denen ein Rad besteht, sind zum Zeitpunkt der Bestellung in den verwinkelten Lagerräumen des kleinen Gebäudes verteilt. Die Teile werden zugeliefert, die Rahmen kommen aus Asien. Die Batteriesätze liefert ein Anbieter aus der Region. Im ersten Stock werden alle Komponenten in zwei Arbeitstagen zu einem fertigen Produkt montiert. Die vier festen Mitarbeiter und zwei Halbtagskräfte haben im vergangenen Jahr 200 Pedelecs auslieferungsfertig gemacht.
Till Rydyger könnte es sich leicht machen und sein Wissen an die Industrie verkaufen. Aber das hat er nach eigenem Bekunden ganz und gar nicht vor. „Ich will mein Produkt von Jahr zu Jahr weiterentwickeln“, erklärt er sein Konzept, wie er den Vorsprung zu Nachahmerprodukten halten will. Mittlerweile macht er das mit externer Ingenieurshilfe und Bundesfördermitteln. Im nächsten Modell werde der Motor noch sehr viel besser sein, deutet er an. Einen Prototyp soll es 2019 geben. In den Verkauf könnte es im Jahr 2020 kommen.

 

Quelle: ZVW / Uwe Roth

Foto: ZVW / Uwe Roth