Menschen in der Region Stuttgart

Anwalt des Fahrrads

Von Bad Cannstatt aus versorgt Bernhard Lange, dessen Unternehmen europaweit 460 Mitarbeiter zählt, praktisch die gesamte Fahrradbranche mit Ersatzteilen. Er findet, dass die Politik beim Radverkehr zu langsam in die Gänge kommt.

Bernhard Lange (Foto: privat)
28.05.2015 | 

Der Arbeitstag geht, Bernhard Lange kommt. Er trägt keinen Anzug und auch keine gewienerten Ledergaloschen. Die schlichte blaue Jacke, die er übergestreift hat, erinnert an die Garderobe eines Lageristen. Die tut es ihm auch. Lange ist oft in Japan. Dort hat er viel gelernt über Autorität, die von innen kommt.

Es ist Freitagabend in der Hofener Straße 114. Draußen auf dem Hof macht ein Mitarbeiter fürs Wochenende sein Rad startklar, das er sich vor Kurzem selbst zusammengestellt hat aus modernsten Komponenten. Lange öffnet das Fenster. Während der Pedaleur mit leuchtenden Augen seine neue Errungenschaft preist, wärmt sich der Chef am Feuer der Begeisterung für die urbane Mobilität der Zukunft.

Ein bisschen anders sind sie schon bei Paul Lange & Co., einem Unternehmen, das im Laufe seiner Geschichte so manches und manchen bewegt hat. 1949 fing die Familie klein an in Stuttgart. Das Rad war vielfach das einzige Fortbewegungsmittel, als im heimischen Wohnbüro die ersten Zahnkränze, aus Frankreich importiert, für die Kundschaft hergerichtet wurden. Lange-Geschichte, lange her. Heute zählt die Firma mit Niederlassungen und Joint Ventures in Österreich, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Frankreich, der Schweiz und der Ukraine insgesamt 460 Mitarbeiter aus 27 Nationen. Durchschnittsalter: 36. Besondere Merkmale: restlose Begeisterung fürs Rad.

Im Rückblick lässt sich sagen, dass Bernhard Langes Eltern Paul und Fernanda den richtigen Instinkt hatten. Es ging stetig vorwärts mit dem Fahrrad in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Mittlerweile gibt es in deutschen Garagen und Kellern einen Bestand von 72 Millionen Rädern. Alle sieben Jahre leisten sich die Heutigen durchschnittlich ein neues Bike, was den Umstand erklärt, dass allein im vorigen Jahr deutschlandweit 4,1 Millionen Räder verkauft worden sind. Vor allem das E-Bike hat einen gewaltigen Schub. 2007 brachte die Branche 70.000 Räder mit Elektromotor an die Kundschaft, im vergangenen Jahr waren es 480.000. "Wir haben heute mehr als zwei Millionen E-Bikes auf deutschen Straßen", bilanziert Bernhard Lange. "Eine tolle Entwicklung."

Eine solche darf man wohl mit Fug und Recht auch dem Unternehmer Lange selbst bescheinigen, der 1959 auf den Tag genau zehn Jahre nach der Firmengründung geboren ist und eigentlich langsam ins Unternehmen hineinwachsen sollte. Mitte der 1980er Jahre hospitierte er bei Shimano in Japan, deren Generalvertreter für Deutschland die Langes seit 1967 sind. Er baute sein eigenes Rad, das bis heute im Foyer der Firma steht, und übernahm später in Stuttgart das Marketing. Zwei Jahre arbeitete Bernhard Lange eng mit dem Vater zusammen, der ihn düngte mit einem christlich-sozialen Weltbild. Plötzlich starb Paul Lange weit vor der Zeit, und der Sohn musste 1989 die Firma übernehmen. "Das war ganz einfach brutal. Von einem Tag auf den anderen hatte ich keine Zeit mehr."

Wie bei einem Schaltwerk fürs Rennrad, bei dem viele Bauteile harmonieren und etliche Rädchen ineinandergreifen, hat Lange junior gemeinsam mit seiner Schwester und der Mutter das Werk des Vaters geformt zu einer hochmodernen Firma mit eigenem Testparcours, die mittlerweile fast die gesamte Branche mit Ersatzteilen versorgt und damit zweistellige Millionenumsätze macht. Dafür braucht es das richtige Gespür für Trends und Produkte auf einem hart umkämpften Markt. "Wir haben das beste Team der Welt", erklärt der Chef das Erfolgsrezept, in dem er sich als Erster unter Gleichen sieht, eben ganz japanisch. "Es macht mir jeden Tag unglaublich viel Freude, in diese Firma zu kommen und zu sehen, wie sich das Fahrrad entwickelt und fortbewegt."

Mit den Jahren wurde Lange zu einer Art Anwalt fürs Rad, das es im politischen Raum unter der Dominanz des Autos nicht immer leicht hat. Es treibt ihn an, dieses Verkehrsmittel in Deutschland nach vorne zu bringen, nicht nur aus Umsatzgründen, sondern auch grundsätzlich. "Das Rad ist das einzige Fahrzeug mit Null-Emission, das auf Kurzstrecken zudem schneller ist als die meisten anderen Verkehrsmittel", sagt er. "Es gibt bei uns inzwischen einige Städte mit einem Radverkehrsanteil von bis zu 25 Prozent. Stuttgart ist mit sieben Prozent davon allerdings weit entfernt. Da muss die Politik mehr tun."

Er selbst tut derweil einiges. Lange sucht das Gespräch mit Entscheidungsträgern in Stadt und Land und leistet sich in der Verwaltung eine spezielle Stelle für Fahrradförderung. Wann immer irgendwo eine Bühne aufgebaut wird, auf der es um nachhaltige Mobilitätskonzepte im Ballungsraum geht, mischt Paul Lange & Co. nach Kräften mit. Auf fast 200 Veranstaltungen war die Firma im vergangenen Jahr präsent. Pedalgestützte Lobbyarbeit.

"Chancen erkennen, nutzen und umsetzen" ist das Credo von Bernhard Lange, der notfalls auch das deutliche Wort nicht scheut. "Neulich musste ich in Stuttgart etwas abholen und habe das Auto genommen", erzählt er. "Ich brauchte zurück anderthalb Stunden bis Cannstatt. Die ganze Stadt war verstopft. Da hätte ich mal lieber das Rad genommen. Allerdings brauchen wir in Stuttgart bessere Radwege. Darüber wird zwar viel geredet, aber es wird zu wenig getan."

Lange schwebt in der stauträchtigen Autostadt ein Radanteil von 20 Prozent im Verkehrsmix vor, ein weitsichtigeres Parkmanagement für Räder und eine bessere Vernetzung der Mobilität. Ihm geht das alles zu langsam. "Wir haben hier die schlechtesten Luftwerte in ganz Deutschland", sagt der Radpionier. "Da wird es höchste Zeit, dass in den Köpfen verankert wird, dass wir umdenken müssen. Das Potenzial des Rads für umweltfreundliche und gesunde Mobilität ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft." Lange macht eine kurze Pause und befeuchtet seine Kehle mit einem Schluck Kaffee. "Man muss das wollen", fährt er mit leichtem Groll in der Stimme fort. "Wir wollen zu wenig und verschieben zu viel auf die nächste Generation."

Man könnte ein solches Statement als vorhersehbaren Beitrag eines Lobbyisten abtun, der gut verdient am Rad. Damit aber würde man ihm nicht gerecht. Lange denkt über den Kesselrand hinaus, nicht nur für sich, sondern auch für andere. Reichlich privates Geld steckt er seit Jahren in soziale Projekte, in Stuttgart ebenso wie in Ghana oder in Japan, wo er nach dem schweren Erbeben ein Kinderheim wieder mitaufgebaut hat. Das hat ihm 2013 den Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden- Württemberg eingetragen, verliehen von der Caritas gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium des Landes.

Sein zentrales Anliegen ist und bleibt bei alledem die Mobilität von morgen. "Fahrradverkehr wird noch nicht als System begriffen, deshalb ist der Paradigmenwechsel pro Rad noch weit entfernt", sagt Lange zum Ende des Gesprächs. Er wird nicht müde, dies zu betonen. Ein dickes Brett, das er stetig bohrt. Zum Glück steht die nächste Generation schon bereit, aufs Rad zu sitzen - und zu setzen. Sein Sohn Paul-César hat Betriebswirtschaft studiert und ist, wie er selbst früher, jetzt für zwei Jahre in Japan, um dort zu lernen und sein Netzwerk aufzubauen, ehe der Sohn in dritter Generation in die Firma einsteigt. "Es ist einfach wunderbar, wenn man weiß, dass es weiter geht im Unternehmen", sagt Bernhard Lange und schenkt sich noch einen Schluck Kaffee ein. Der Schreibtisch ruft. Die meisten Mitarbeiter sind zu Hause. Der Chef macht fürs Rad noch ein paar Überstunden.

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.