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Der gute Herr Schlecht

Karl Schlecht gehört zu den Tüftlern, die das Land groß gemacht haben. 1958 baut er in einem Hinterhof auf den Fildern seine erste Mörtelmaschine. Es ist der Anfang des Putzmeister-Konzerns und die Geburtsstunde eines eigenwilligen Unternehmers.

Karl Schlecht (Foto: Putzmeister)

Karl Schlecht (Foto: Putzmeister)

22.12.2010 | 

Irgendwann hatte er die Nase voll. Sein Rücken schmerzte, die Muskeln brannten. Karl Schlecht schuftete beim Vater, einem Gipser vom alten Schlag. Säcke mit Putz schleppte der Student in die oberen Stockwerke eines Rohbaus, wo er den Speis von Hand anrührte. "Wenn's da bloß a Maschin' gäb", fluchte er vor sich hin.

Manchmal beginnen auf diese Art Geschichten schwäbischer Tüftler, und wenn es gut geht, steht ihr Name am Ende in einer Reihe mit Erfindern wie Bosch, Leibinger, Stihl oder Kärcher. Bei Karl Schlecht ist es gut gegangen. Der Sohn des Gipsermeisters Schlecht aus Bernhausen auf den Fildern konstruierte 1958 eine Verputzmaschine und nannte sie "P1". Sie wurde zum Grundstock einer globalen Firmengruppe, die auf ihrem Gebiet an der Weltspitze steht.

Mehr als 50 Jahre danach sitzt der Hilfsarbeiter von einst in einem schicken Büro der Putzmeister-Firmenzentrale in Aichtal bei Stuttgart und erzählt von einem Mann aus einfachen Verhältnissen. 78 Jahre alt ist er jetzt, Millionär, Marktführer, Hobbyphilosoph, Mäzen. Kurz gesagt, ein vorbildlicher Unternehmer. "Karl Schlecht ist ein großer Baden-Württemberger", sagt Erwin Teufel, der frühere Ministerpräsident, über den Selfmademan, der sich mit innovativen Maschinen ganz nach oben pumpte.

Der Patriarch beißt in eine schwäbische Butterbrezel. Trotz aller Weltläufigkeit ist er auch kulinarisch eher bodenständig geblieben. Linsen mit Spätzle lässt er sich am liebsten von seiner Frau Brigitte servieren. "Freude ist der Sinn des Lebens", sagt er und grinst. Schlecht kennt auch die andere Seite. Mit drei Schwestern in Bernhausen aufgewachsen, muss er hart anpacken, beim Großvater auf dem Bauernhof wie beim Vater im Gipserbetrieb. Der einzige Sohn darf Abitur machen und studieren. Er entscheidet sich für Maschinenbau und konstruiert mit 26 das Gerät seines Lebens.

Zwei Jahre später gründet der Karl auf dem elterlichen Hof die Firma KS-Maschinenbau. Der Dorfschmied formt die Rahmen seiner Apparate, der örtliche Elektriker zieht die Kabel und der Chef montiert in der Garage die Pumpeinheit. Im ersten Jahr produziert Schlecht 50 Verputzmaschinen, im nächsten Jahr sind es 100. 1961 baut er in Bernhausen sein erstes Produktionswerk und tauft das Unternehmen in "Putzmeister" um.

Das Baugewerbe brummt, der Mittelständler wächst. Karl Schlecht fehlt der Drang zur Oberflächlichkeit. Er trifft die richtigen Entscheidungen und spezialisiert sich auch auf Betonmaschinen. Die graue Masse lässt sich maximal 150 Meter in die Höhe pumpen, heißt es in der Branche. Der schwäbische Maschinenbauer erbringt den Gegenbeweis. 1977 schaffen seine Powerpumpen beim Bau des Frankfurter Fernsehturms eine Förderhöhe von 310 Metern. Ein Jahr später sind es 380 Meter beim Gotthard-Tunnel in der Schweiz, 1994 knackt Putzmeister die 500-Meter-Marke beim Bau des Kraftwerks Riva del Garda in Italien. Inzwischen liegt der Rekord bei 610 Metern, erzielt am Burj Dubai Tower, dem höchsten Wolkenkratzer im Nahen Osten.

Wo im großen Stil gebaut wird, sind die Putzmeister- Ingenieure mit elektronisch gesteuerten Beton-, Injektionsund Abraumpumpen dabei: Eisenbahntunnel unter dem Ärmelkanal, Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden, Olympiabauten in Peking. Was Beschäftigte und Gewinn angeht, kennt Schlechts Firmengruppe über Jahrzehnte nur eine Richtung. 2008 feiert er sein 50-jähriges Firmenjubiläum. Bei dieser Gelegenheit übersteigt der Umsatz erstmals die Milliardengrenze. Weltweit arbeiten 4.200 Mitarbeiter für die schwäbische Firma.

Im operativen Geschäft mischt "KS", wie ihn die Leute im Haus nennen, nicht mehr mit. 1998 hat er sein Unternehmen an die gemeinnützige Karl-Schlecht-Stiftung (KSG) übertragen, die 99 Prozent der Putzmeister-Aktien hält. Ein Prozent liegt bei der Karl-Schlecht-Familien- Stiftung (KSF), welche die unternehmerische Verantwortung trägt und 90 Prozent der Stimmrechte hat. Auf diese Weise glaubt der Gründer, sein Haus für die Zukunft ausgerichtet zu haben.

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser, auch nicht bei Karl Schlecht. Kurz nach dem Firmenjubiläum schlägt die Wirtschaftskrise voll durch. Die Bauboom-Märkte in Amerika und Spanien brechen fast vollständig zusammen, in Aichtal laufen Millionenverluste auf. Wäre Putzmeister in der Substanz nicht so gesund, sähe es duster aus. Der Umsatz halbiert sich, erstmals in der Firmengeschichte müssen Hunderte von Mitarbeitern gehen. Bittere Zeiten, auch für den Chef. Im Jahr 2010 hat Putzmeister die Talsohle erreicht. "Das Geschäft zieht wieder an", sagt der Firmengründer, der als Ruheständler noch fast jeden Morgen ins Büro kommt, um sein Lebenswerk zu pflegen. Fünf Enkel hat er mittlerweile, aber sein wichtigstes Baby bleibt doch die Firma und was von ihr ausgeht.

Karl Schlecht verzieht sein Gesicht zu einem Lachen, das lautlos bleibt. Er ist bei seinem Lieblingsthema angelangt, beim Gewissen fürs Ganze. "Dienen, bessern, Werte schaffen", ist sein Credo. Er vertritt es nicht nur nach außen, er lebt auch danach. Schlecht finanziert zwei Lehrstühle, einen für Unternehmertum an der Universität Hohenheim und einen für Windenergie am Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart. Und dann ist da auch noch die Stiftung Weltethos um den Tübinger Theologen Hans Küng. Karl Schlecht gibt dafür Geld, weil er überzeugt ist, "dass die Menschen in ihrem friedlichen Zusammenleben auf elementare ethische Werte, auf Maßstäbe und Haltungen angewiesen sind".

Wertebewusstsein ist für ihn auch im eigenen Unternehmen wichtig. Er nennt das mit schwäbischem Akzent "management by love". Jeder Mitarbeiter soll den Putzmeister- Leitfaden mindestens einmal im Jahr lesen. In seitenlangen Abhandlungen mit hübschen Titeln wie "Sexy Six - sechs Kriterien für unternehmerisches Denken" erklärt der Boss seiner Belegschaft, wie es sich verhält mit Umsatz und Grundsatz. Das eine ist für ihn ohne das andere nicht denkbar.

Karl Schlecht ruft seine Sekretärin. "Könnten Sie bitte noch ein Buch bringen?" Sie weiß schon, was er meint. Erich Fromm. "Die Kunst des Liebens." Von diesem Buch, sagt er zum Abschied, habe er am meisten darüber gelernt, wie ein Unternehmen zu führen sei. Karl Schlecht begleitet seinen Besuch bis zum Aufzug. Wie er so lässig hinüberschlendert, wirkt der Patron in seinem blauen Anzug ein bisschen wie der alte Frank Sinatra. Fast hört man ihn singen. "I did it my way."

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.