Menschen in der Region Stuttgart

Aufbruch in neue Sphären

Früher haben Firmen ihre Produkte meist hinter gut verriegelten Türen entwickelt, heute öffnen sich viele für das Wissen von draußen. Sabine Brunswicker hat ihren Anteil daran. Sie ist Vordenkerin für ein neues Denken.

Sabine Brunswicker (Foto: privat)

Sabine Brunswicker (Foto: privat)

27.09.2013 | 

Manchmal klingt ein Tag nach Frank Sinatra. „Fly me to the moon.“ Das Stück gefällt ihr. Sabine Brunswicker spielt es nicht nur gerne auf ihrem Klavier. Sie lebt auch danach. Droben am Pfaffenwald pappt die Luft wie der Keks am Kaffee.

Im Fraunhofer Institutszentrum steht die Türe des Konferenzraums offen, was irgendwie zum Thema passt. Draußen huschen Damen in Sommersandalen über den Flur. Sabine Brunswicker ante portas. Kaum eingetreten, flutet sie den Raum mit ihrer Präsenz. Eine junge Frau im Kostüm, die umweht wird von der Aura des Gelingens.

Eigentlich hätte sie jetzt Urlaub. Sie war gerade beim Zahnarzt und hat einen kleinen Umweg gemacht. Was tut man nicht alles, um eine Mission zu beflügeln? Es geht um ihr Forschungsgebiet. Um neue Prozesse, die den alten nicht sehr gleichen. Um eine kleine Revolution, die in Wirklichkeit Teil einer großen ist. „Es geht darum, sich auf etwas einzulassen“, sagt sie, „ohne zu wissen, ob man später auch noch die Kontrolle über alles hat.“

Auf flachen Absätzen redet sie über steigende Umsätze. Darum geht es letztlich in den Chefetagen, in denen sie nicht selten zu Gast ist, um über Open Innovation zu sprechen, und das, was sie darunter versteht. Vorbei sind die Zeiten, in denen Unternehmer nur hinter verschlossenen Türen neue Produkte entwickelten. Heute werden Innovationsprozesse in Teilen bewusst geöffnet. Wie können Firmen fremde Ressourcen erfolgreich nutzen? Wie gelingt es, das Potenzial von neuen Ideen zu testen, zu entwickeln und zu kommerzialisieren, wenn dabei externe Partner im Spiel sind? Welche Chancen gehen damit einher und welche Risiken? Antworten auf Fragen wie diese sucht Sabine Brunswicker am Fraunhofer- Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, dessen Kompetenzbereich Open Innovation sie leitet.

Keinen leichten Job hat sich die Bayerin da ausgesucht. Firmenchefs vom alten Schlag sehen sich mit einer Kultur konfrontiert, die nicht recht passt zu dem, was früher galt, als sich so mancher Patron mit seinen Entwicklern einigelte. Das Wissen anderer blieb aus Angst um geistiges Eigentum und Know-how außen vor. „Open Innovation heißt nicht, das geheimste Wissen preiszugeben“, sagt Sabine Brunswicker. „Es geht in diesem Prozess darum, sich gerade auch bewusst zu machen, an welchen Stellen man sich nicht öffnen will.“ Wobei es sich nach ihren Erfahrungen durchaus lohnt, den Vorhang kontrolliert hochzuziehen. Groß sei dabei die Wahrscheinlichkeit, dass man bei der Suche nach technischen Lösungen außerhalb des eigenen Dunstkreises auf erfolgversprechende Ideen treffe. „Führende Unternehmen wissen, dass sie nicht alles selbst können“, sagt die Wissenschaftlerin und verweist auf positive Erfahrungen namhafter Firmen wie Procter & Gamble, die sich der Käseglocke entledigt und die Produktivität ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilungen dank Open Innovation um 60 Prozent gesteigert hätten.

Sabine Brunswicker nippt an ihrem Tafelwasser. Wie wird aus einer musisch begabten Frau aus Franken ein Zugvogel, der das Lied der neuen Unternehmenskultur pfeift? Mit der gleichen Bestimmtheit, mit der sie sich durch die Wirtschaft der Moderne bewegt, gleitet sie durch die abstrakte Szenerie der eigenen Geschichte. Geboren 1980, wächst die Pilotentochter in Aschaffenburg auf. Der Vater ist viel unterwegs, was den Vorteil hat, dass Klein-Sabine nicht nur gerne und oft durch die Welt jettet, sondern auch schon im zarten Alter von neun Jahren mit im Cockpit sitzt, wo sich manches lernen lässt über moderne Steuerungsprozesse.

Zu Hause hält sie es bodenständig mit dem Klavier und stellt fest, dass Musik für sie eine Menge mit Logik zu tun hat. „Da gibt es durchaus Parallelen zur Mathematik“, sagt Sabine Brunswicker, die zwischenzeitlich mit einer musischen Karriere liebäugelt, aber nicht als Klavierlehrerin enden will. Gesegnet mit der Gabe der Zielstrebigkeit, legt sie das beste Abitur des Jahrgangs hin und entscheidet sich für Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau an der Technischen Universität in Darmstadt. „Das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Wirtschaft hat mich fasziniert“, sagt sie.

Nebenbei arbeitet die Studentin am Fraunhofer-Institut in Darmstadt. Geflügeltes Talent findet seinen Platz. 2004 schließt sie ihr Studium mit dem Diplom ab und heuert beim Daimler in Stuttgart an, wo viele für immer bleiben, wenn sie erst einmal dort sind. „Fly me to the moon“ klimpert sie auf dem Klavier und sucht ihre eigene Umlaufbahn. Nach einigen Monaten hält sie nichts mehr beim Daimler. Stattdessen siedelt sie nach Australien um und macht dort den Master of Commerce an der University of New South Wales. Eine spannende Zeit, die den Horizont weitet. Zurück aus Down Under managt Sabine Brunswicker millionenschwere Forschungsprojekte mit einem Netzwerk von 400 Partnern und trainiert mehr als 300 Führungskräfte im Innovationsmanagement. „Da lernt man so einiges über den Mittelstand“, sagt sie. Es läuft auf eine Promotion hinaus. In ihrer Abhandlung zeigt sie erstmals den Einfluss unterschiedlich offener Innovationsmodelle auf die Innovationsleistung eines Unternehmens. Das Werk lässt aufhorchen und wird mit Preisen bedacht.

Für ihre wissenschaftliche Karriere wählt die Globetrotterin das Fraunhofer-Institut in Stuttgart. „Neue Wege zu gehen, mit ungewöhnlichen Ideen Lösungen zu finden, an die keiner gedacht hat – das alles ist dort möglich“, sagt sie. „Ein ideales Umfeld für kreative Köpfe, die eine funktionelle Vernetzung, eine hervorragende Ausstattung und selbstständiges Arbeiten zu schätzen wissen.“ Ihre Projekte führen sie nach Amerika und Australien. In Indien arbeitet sie mit an einem offenen Gesundheitswesen und an neuen Prozessen in Krankenhäusern. „Dort haben mehr Leute Zugang zum Mobiltelefon als zu einer Toilette.“

Sabine Brunswicker gibt Open Innovation eine Stimme. In einer internationalen Studie befragt sie gemeinsam mit der University of California in Berkeley insgesamt 125 Führungskräfte der größten Firmen in Europa und den USA. Durch das Ergebnis sieht sie sich bestätigt: 78 Prozent der konsultierten Firmen geben an, bereits seit Jahren Open Innovation zu praktizieren. Keines dieser Unternehmen ist bisher zum geschlossenen Ansatz zurückgekehrt.

Mittagszeit im Fraunhofer-Institut. Draußen auf dem Gang klappern die Flip Flops. „Lass deine Türe nur offen stehen!“, lautet ein Sprichwort. „So werden die Lauscher vorübergehen.“ Sabine Brunswicker würde man noch gerne länger lauschen, aber sie muss weiter. Schließlich ist sie im Urlaub. An den freien Tagen nimmt sie sich ein bisschen Zeit für die Musik droben in ihrer Wohnung am Bopser. Bis vor Kurzem spielte sie regelmäßig in einer Band. Sie mag die Musik der Salons des 19. Jahrhunderts ebenso wie die Klassiker der Moderne. Beatles, Simon & Garfunkel und natürlich Frank Sinatra.

Die Reise geht weiter. Im Herbst wird sie eine Professur annehmen und ein interdisziplinäres Forschungszentrum im Bereich „Open Digital Innovation“ aufbauen. Mit 32 zieht es Sabine Brunswicker an die renommierte Universität Purdue, eine der Topadressen in den USA. Neil Armstrong war dort Absolvent. Die Uni verfügt über einen eigenen Airport und bald über eine Professorin, die an ihrem Flugschein arbeitet und selbst ins Cockpit drängt. „Fly me to the moon.“

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.