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Strukturbericht 2015: Investitionen in der Region Stuttgart überdurchschnittlich hoch

Mangel an Gewerbeflächen und zu viele Staus hemmen zügige Weiterentwicklung

Titelseite des Strukturbericht 2015

Titelseite des Strukturbericht 2015

22.09.2015 | 

In einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands wird nach wie vor auf hohem Niveau investiert. Der Strukturbericht 2015 zeigt, dass im Verarbeitenden Gewerbe der Region Stuttgart die Investitionsquote mit 4,0 Prozent im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2013 sowohl über dem Bundes- als auch über dem Landesdurchschnitt (3,2 % bzw. 3,5%) lag. Damit der Vorsprung bleibt, so die Herausgeber, solle die Technologieförderung zu einem landespolitischen Schwerpunkt und die Standortbedingungen weiter verbessert werden. Die Berichte von Verband Region Stuttgart, Handwerkskammer Region Stuttgart, IG Metall Region Stuttgart und IHK Region Stuttgart analysieren regelmäßig die strukturelle Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung.

Für fast zwei Drittel des industriellen Investitionsbudgets ist der Fahrzeugbau verantwortlich, denn am Automobilstandort Region Stuttgart wird immer noch produziert, was einen hohen Investitionsbedarf nach sich zieht. Auf eine im Vergleich zur Bundes- und Landesebene unterdurchschnittliche Investitionsquote kommen dagegen die Elektroindustrie und der Maschinenbau. Stuft man die internen Aufwendungen der Unternehmen für Forschung und Entwicklung auch als Investition ein, dann vergrößert sich der Vorsprung, den die Region Stuttgart bei der "traditionellen" Investitionsquote im Verarbeitenden Gewerbe ohnehin schon hat. Die FuE-Ausgaben der Unternehmen in der Region Stuttgart für die Jahre 2001 bis 2011 liegen bei einem weit überdurchschnittlichen Wert von 6,2 % im Vergleich zur Bundes- und Landesebene (3,5 % bzw. 1,8 %).

Ausländische Investoren wertschätzen die Region

In der Region Stuttgart gibt es über 2.200 "auslandskontrollierte Unternehmen", welche durch den Kapitaleinsatz ausländischer Investoren durch deren eigene Gründung entstanden oder durch den Kauf bereits bestehender Firmen in ausländisches Eigentum übergegangen sind. Diese hohe Zahl von Firmen mit ausländischer Mehrheitsbeteiligung zeigt die hohe internationale Vernetzung des Wirtschaftsstandorts Region Stuttgart auf. Investitionen im Ausland von in der Region Stuttgart ansässigen Unternehmen werden immer wichtiger. Rund 48 Prozent der Unternehmen wollen im Ausland investieren - das sind 14 Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. Lediglich 30 Prozent der auslandsaktiven Firmen tun dies aus Kostengründen. Die restlichen 70 Prozent investieren im Ausland, um neue Märkte zu erschließen oder um Vertriebsnetze aufzubauen. Solche Auslandsinvestitionen ziehen tendenziell Investitionen in der Region Stuttgart nach sich.

Uwe Meinhardt weist als Sprecher der IG Metall Region Stuttgart darauf hin, dass trotz der insgesamt recht guten Aufstellung der Region Stuttgart in Sachen Investitionstätigkeit, insbesondere im Automotive-Cluster, eine reine Bestandspflege nicht ausreicht. Die Stärke der Region als innovativer Automobil-Standort beruht auf einem engen Zusammenspiel von Forschung, Entwicklung und Produktion. Diese Kompetenz muss in einer durchgehenden Wertschöpfungskette erhalten und durch eine abgestimmte Netzwerkstruktur unterstützt werden. Zudem gibt die abwartende Haltung einzelner Akteure im Bereich alternativer Antriebssysteme zu denken. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssen enger zusammen arbeiten, um Innovationen zügig in die Marktreife zu führen und damit beschäftigungswirksame Wertschöpfung zu generieren. Im Rahmen eines regionalen Investitionsdialogs Maschinenbau sollte die unterdurchschnittliche Investitionsquote mit den Branchenverbänden und anderen relevanten Akteuren verifiziert werden, mögliche Handlungsbedarfe aufgezeigt und die notwendigen industrie- und standortpolitischen Maßnahmen erarbeitet und weiterentwickelt werden.

Trend zur Digitalisierung als Chance sehen

Eine der wichtigsten Herausforderungen insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ist der mit dem Stichwort Industrie 4.0 bezeichnete Trend zu Digitalisierung und Vernetzung und den damit zusammenhängenden neuen Geschäftsmodellen. KMU muss aufgezeigt werden, welche Bedeutung Wirtschaft 4.0 für sie hat - und welche Folgen drohen, wenn sie sich den Herausforderungen nicht stellen. Die Initiativen und Angebote zu Wirtschaft 4.0 sind auszubauen, vor allem aber besser bekannt zu machen. KMU und Handwerk brauchen darüber hinaus anschauliche Beispiele, wie andere Unternehmen mit diesen Trends umgehen und wie Veränderungen umgesetzt wurden, um ihr Potenzial zu erkennen und Chancen nutzen zu können. KMU müssen außerdem besser über technologische Entwicklungen und Trends informiert und dafür sensibilisiert werden. "Wir müssen Infrastrukturen wie Netzwerke, Transferbeauftragte oder Clusterinitiativen aufbauen oder weiterentwickeln, um KMU zu unterstützen und den Wissens- und Technologietransfer zu beschleunigen. Technologieförderung in KMU muss zu einem der landespolitischen Schwerpunkte werden", fordert der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Claus Munkwitz.

Die Ergebnisse einer IHK-Unternehmensbefragung und die für den Strukturbericht eigens durchgeführten Experteninterviews weisen darauf hin, dass es bei bestimmten Standortfaktoren in der Region Defizite gibt, die sich als Investitionshemmnisse erweisen. Dazu gehört die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen. Investitionen erzeugen eine starke Nachfrage nach Produktions- und Logistikflächen. Die Herausgeber sehen es als notwendig an, einen intensiveren Dialog zwischen Wirtschaft, Region, Kommunen und Immobilienwirtschaft zum Thema Industrie- und Logistikflächen zu etablieren. Ziel muss dabei vor allem sein, bei Kommunen und der Bevölkerung wieder mehr Akzeptanz für die Ausweisung von Industrieflächen zu erreichen. "Unternehmen zahlen Steuern und schaffen Arbeitsplätze. Städte und Gemeinden müssen im Gegenzug dafür sorgen, dass Betriebe räumliche Entwicklungsmöglichkeiten bekommen" sagt Bernd Engelhardt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart.

Der Straßenverkehr in der Region droht aufgrund zahlreicher Staus zum Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung zu werden. Das Land wird daher aufgefordert, nicht nur seine Bemühungen zur Erhaltung der vorhandenen Trassen, sondern auch und zum bedarfsgerechten Ausbau der Straßeninfrastruktur zu verstärken. Weitere Stellhebel sind das regionale und betriebliche Mobilitätsmanagement. Darüber hinaus muss der Technologiewandel auf dem Weg zur Elektromobilität in der Region Stuttgart aktiv begleitet werden.

Als Standortnachteil erweisen sich Lücken bei der Breitbandversorgung. Breitbandanbieter und Kommunen sind gefordert, gemeinsame Lösungen für eine flächendeckende Versorgung in der Region zu erarbeiten. Gleichzeitig fordern die Herausgeber das Land auf, die Förderkriterien der Landesbreitbandförderung dahingehend zu ändern, dass die Kommunen im Ländlichen Raum bei den Förderbedingungen gleichgestellt sind. Es wird angeregt, mit Kommunen, Stadtwerken, Unternehmen und Breitbandanbietern eine gemeinsame, langfristige Ausbaustrategie zu erarbeiten. Eine leistungsfähige Mobilitäts- und Kommunikationsinfrastruktur ist eine zentrale Grundlage für die Zukunft unserer Region", stellt Regionaldirektorin Nicola Schelling fest. "Wir treiben deshalb die Implementierung neuer Technologien in diesen Bereichen konsequent voran."

Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart

Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart haben sich seit der Krise 2008/09 sehr gut entwickelt. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erreichte 2014 einen neuen Höchststand und ließ damit das Vorkrisenniveau von 2007 deutlich hinter sich. Die große ökonomische Bedeutung der Region Stuttgart zeigt sich daran, dass sie über 28 Prozent der Wertschöpfung des Landes Baden-Württemberg erwirtschaftet. Die Region Stuttgart schneidet außerdem gut beim Ranking deutscher Großstadtregionen ab. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die hohe technologische Leistungsfähigkeit und die damit verbundene hohe industrielle Produktivität und Exportorientierung. Die Wirtschaftsregion Stuttgart ist weitaus mehr als andere Großstadtregionen durch das produzierende Gewerbe mit seiner dominierenden Investitionsgüterindustrie rund um den Automotive-Cluster und den Produktionstechnik-Cluster geprägt. Die Handwerkswirtschaft als Querschnittsbereich aus dem produzierenden Gewerbe und dem Dienstleistungssektor weist für die Regionalwirtschaft und den regionalen Arbeitsmarkt ebenfalls eine erhebliche Bedeutung auf. Handwerkskammer-Chef Claus Munkwitz: "Dies umso mehr, als die Handwerker für den gewerblichen Bedarf eine deutlich größere Rolle spielen als in anderen Regionen." Die Verflechtung des Handwerks mit der Industrie sei hier besonders eng.

Der Strukturbericht dient seit 1989 zur Bewertung von Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart. Seit 2002 wird er alle zwei Jahre gemeinsam von Verband Region Stuttgart, Industrie‐ und Handelskammer, Handwerkskammer und IG Metall Region Stuttgart herausgegeben.

Zum Strukturbericht 2015: http://www.region-stuttgart.de/strukturbericht 

Quelle: Verband Region Stuttgart GmbH / Dorothee Lang