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Kommt ein Tierarzt geflogen

Steffen Kappelmann aus Sachsenheim ist Deutschlands einziger fliegender Veterinär. Sein weinrotes Luftfahrzeug ist seine ganz persönliche Antwort auf den wachsenden Verkehr in seinem weitläufigen Revier.

Der 'fliegende Tierarzt' Steffen Kappelmann (Foto: Reiner Pfisterer)

Der 'fliegende Tierarzt' Steffen Kappelmann

Tierarzt Steffen Kappelmann in seinem Tragschrauber (Foto: Reiner Pfisterer)

Tierarzt Steffen Kappelmann in seinem Tragschrauber (Fotos: Reiner Pfisterer)

10.07.2015 | 

"Wenn ich nur fliegen könnte." Dieser Gedanke hat den Sachsenheimer Tierarzt Steffen Kappelmann nicht mehr losgelassen seit jenem Tag vor knapp zehn Jahren, als Eile geboten war und er dringend gebraucht wurde. Ein Landwirt hatte ihn in höchster Not alarmiert, weil ein Kälbchen bei der Geburt in der Mutterkuh steckengeblieben war. Doch Kappelmann steckte selber fest. Erst auf der B 27, dann mitten in Ludwigsburg, danach auf der Neckarbrücke. Überall staute sich der Verkehr, weshalb er mit seinem Auto für die knapp 25 Kilometer von Erligheim ganz im Westen seines Praxisgebiets bis nach Neckarrems im Osten mehr als eine Stunde benötigte. "Als ich endlich da war, konnte ich nicht mehr helfen. Das Kalb war bereits verendet", erzählt er: "Sonst hätte es eine echte Chance gehabt."

Kappelmann zog daraus seine ganz persönlichen Schlüsse, indem er auf ein neues Mobilitätskonzept setzte, das buchstäblich aus der Luft gegriffen war. Um zu demonstrieren, was damit gemeint ist, stellt er an diesem Nachmittag einen Anhänger von erstaunlicher Länge auf einem Feldweg ab. Keine fünf Minuten später steht ein weinrotes Fluggerät auf der Straße, das verdächtig nach einem Wintersportbob aussieht - mit Rädern und Propeller als Sonderzubehör. Auf den Seiten des Tragschraubers, so die korrekte Bezeichnung des Ultraleichtfliegers, steht in weißen Buchstaben "Tierarzt". Darunter kleben zwei stilisierte Flügel. Auch Weste und Jacke des Veterinärmediziners sind mit diesem Logo bedruckt, das Steffen Kappelmann eigens von einer Grafikerin hat entwerfen lassen. Schließlich ist auch er ein Unikat: Deutschlands einziger fliegender Tierarzt.

Der gebürtige Ravensburger, der schon als Kind im Zweifelsfall in irgendeinem Stall zwischen Kühen zu finden war, betreibt zusammen mit seiner Frau eine Gemeinschaftspraxis im Landkreis Ludwigsburg. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Ehefrau Katja, ebenfalls eine Tierärztin, ist für die Abteilung Kleintiere zuständig, in der etwa Hunde und Hasen behandelt werden. Steffen Kappelmann dagegen hat sich im Laufe der Zeit auf größere Kaliber spezialisiert: Er ist ausgewiesener Fachmann für Kühe und Pferde und als solcher vor Ort gefragt.

Entsprechend weitläufig ist sein Praxisgebiet, das derzeit knapp 5.000 Quadratkilometer umfasst. Für 27 Höfe hat er zwischenzeitlich eine Landegenehmigung vom Regierungspräsidium bekommen, allerdings darf er jeden davon nur sieben Mal im Jahr anfliegen, ausgenommen Notfälle. Davon gibt es mitunter zwei bis drei pro Woche. "Dann zählt jede Minute", sagt Kappelmann, dessen Landungen anfangs für einiges Aufsehen sorgten. Die Landwirte hätten seine Ankündigung, dass er mit dem Helikopter kommt, zuerst für einen Scherz gehalten, erzählt er. "Hinterher ist die ganze Familie auf dem Hof gestanden und hat gestaunt."

Mittlerweile haben sich die Landwirte in der Region nicht nur an den Anblick gewöhnt, sondern insbesondere auch an den großen Vorteil, den die staufreie Fliegerei mit sich bringt. "Wenn wir den Tierarzt brauchen, weil man einen Kaiserschnitt machen muss, ist er viel schneller da als früher. Das ist natürlich super für uns", sagt Landwirt Steffen Lederer aus Kirchheim. "In unserem verkehrsreichen Ballungsraum kann das Leben retten."

Auf bis zu 180 Stundenkilometer beschleunigt der hundert PS starke Rotax-Motor den Tragschrauber, dessen große Rotorblätter sich indessen allein durch den Fahrtwind drehen. Autorotation nennt sich dieses Prinzip, was den Vorteil hat, dass der auffällige Flugapparat auch dann noch steuerbar ist und problemlos gelandet werden kann, wenn der Motor ausfällt. Dieser ist mit seinem aufgeschraubten Propeller wiederum lediglich dafür zuständig, den Tragschrauber von hinten anzuschieben, was das filigrane Vierzylinder-Kraftpaket auch treu und brav macht, so Steffen Kappelmann: "Im Ernstfall bin ich doppelt bis vierfach so schnell unterwegs wie mit dem Auto", sagt er.

Dass seine ganz persönliche Antwort auf die allgegenwärtige Mobilitätsfrage in der staugeplagten Region um die baden-württembergische Landeshauptstadt zumindest im Augenblick kein tragfähiges Alternativkonzept für die Allgemeinheit darstellt, ist dem Tierarzt natürlich klar. Zumal sich sein fliegender Dienstwagen aus finanzieller Sicht nicht unbedingt lohnt. Muss es aber auch nicht, wie Steffen Kappelmann findet: "Fliegen war schon immer mein Hobby", sagt Kappelmann, der regelmäßig Besuch von Filmteams und Reportern aus der ganzen Republik bekommt, seit er mit einem Helikopter unterwegs ist.

Schon als Schüler hat er bei allen Preisrätseln mitgemacht, bei denen es einen Rundflug zu gewinnen gab, was ihm immerhin drei Mal gelang. Einiges aufwendiger war es, in den Besitz der Privatpilotenlizenz zu kommen, die der 42-jährige Veterinär Anfang 2009 erhielt. Zuvor hatte er sich über Wochen und Monate mit Hubschraubermodellen und Kostenkalkulationen beschäftigt, wovon seine Frau anfangs nicht wirklich begeistert war, wie sie einräumt. "Das Ganze ist ja nicht ungefährlich", sagt sie. "Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und finde es toll, welche Möglichkeiten mein Mann geschaffen hat."

Anfangs hatte Steffen Kappelmann sein Fluggerät noch in den Scheunen der Landwirte untergestellt, was dem Motor aber etwas zu staubig war. Wesentlich wohler fühlt sich der Tragschrauber nun in dem klimatisierten Anhänger, der meist direkt vor der Gemeinschaftspraxis in Sachsenheim steht. Die Kappelmanns selbst wohnen direkt über den Arzträumen, zur Familie gehören neben zwei Kindern im Grundschulalter auch noch die beiden riesenhaften Doggendamen Xara und Paula sowie Fritzi, ein formidabler Mops von fünf Jahren. Der Doktor und das liebe Vieh.

Knapp 25.000 Euro haben Steffen Kappelmann die Flugstunden gekostet. Dafür hat er im Gegenzug seinem Fluglehrer einiges abverlangt, wie er sagt. So musste dieser schon mal beim Impfen assistieren. "Mit dem Handschuh in einer Kuh stecken wollte er aber partout nicht", sagt Kappelmann mit seinem breitesten Schmunzeln im Gesicht. Für den Tragschrauber selbst, den er gebraucht gekauft hat, musste er annähernd 46.000 Euro anlegen. Die Betriebskosten belaufen sich auf weitere 9.000 Euro im Jahr, umgerechnet 55 Cent pro Straßenkilometer, was Steffen Kappelmann durchaus passabel findet. "So viel wie bei einem gewöhnlichen VW Passat", sagt der Veterinär.

Anders als bei einem gewöhnlichen Passat benötigt er für seinen Helikopter eine 50 Meter lange Startbahn, einen privaten Feldweg zwischen Äckern beispielsweise, um abheben zu können. Zum Ausrollen reichen ihm zehn Meter. Wo er losfliegen und landen darf, ist beim Regierungspräsidium genau dokumentiert. Außerdem muss der Hobbypilot auch über jeden geflogenen Kilometer Buch führen und sich bei der zuständigen Luftleitstelle melden, sofern er sich im kontrollierten Luftraum bewegt. Außer bei Notfällen, zu denen er immer wieder gerufen wird, nutzt Steffen Kappelmann den Tragschrauber derzeit ungefähr alle zwei Wochen für Routinetouren und größere Runden zu entlegenen Bauernhöfen. Seine Medikamente, Instrumente und ein Ultraschallgerät fliegen in einem eigenen Staufach an der Spitze seines Luftfahrzeugs mit. Mindestens zwei Höfe zusätzlich bekommt er an diesen Flugtagen unter, sagt Kappelmann.

Immerhin. Angesichts seiner stetig wachsenden Patientenkartei, in der momentan alleine 8.000 Milchkühe und Rinder geführt werden, will er mittelfristig noch flexibler und schneller werden. Er denkt daher bereits darüber nach, auch noch die Berufspilotenlizenz zu machen. Der Vorteil dabei wäre, sagt der Tierarzt Steffen Kappelmann, "dass ich mir dann künftig selber aussuchen könnte, wo ich starte und lande". Die Landwirte in der Region würde es sicher freuen.

Quelle: Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) / Markus Heffner