Menschen in der Region Stuttgart

Voraus in die Zukunft

Professor Michael Resch ist eine Art Captain Kirk. Mit seinem klimatisierten Raumschiff im Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart taucht er ein in die unendlichen Weiten der simulierten Zukunft.

Michael Resch (Foto: Michael Ohnewald)

Michael Resch (Foto: Michael Ohnewald)

25.05.2010 | 

Eigentlich sieht er aus wie ein ganz normaler Erdling, der in seinem Büro auf einem roten Sofa sitzt und über ein Leben redet, in dem es manchmal zugeht wie in einer anderen Galaxie. "Captain, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist riesig und es kommt direkt auf uns zu." So was in der Art begegnet Michael Resch öfter. Mit seiner Besatzung beamt er sich in unvorstellbare Weiten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Professor Michael Resch ist der Direktor des Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrums und als solcher von Haus aus bemüht, die Zukunft in die Gegenwart zu befördern. Dabei unterstützt ihn eine blinkende Rechenmaschine, die hinter einer dicken Stahltüre auf 700 Quadratmetern ihrem anstrengenden Tagwerk nachgeht. Die Gute ist ein bisschen eigen, deshalb muss die Diva so stark mit Luft gekühlt werden, dass man sich in ihrer Nähe unter einem Föhn wähnt. Mehr als eine Million Euro blättert das Rechenzentrum in der Nobelstraße jedes Jahr dafür an Stromkosten hin.

Die Diva und der Denker sind ein Team. "Ich löse gerne Probleme", sagt er und zeigt auf seine Supermaschine, 15 Meter lang und zwei Meter hoch. Hochkomplexe Vorgänge laufen in Sekundenbruchteilen hinter den gläsernen Fassaden des Großrechners ab. Man stellt sich das vor wie in Charly Chaplins Werkstatt von Moderne Zeiten. Der Mensch wird hier plötzlich ganz klein und verschwindet in den Eingeweiden eines Giganten, der 12,7 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde vertilgt. Und doch genügt er damit nicht mehr den Ansprüchen seines Herrn, dessen Befund ein vernichtender ist. "Dieser Rechner ist langsam!"

Nun ja, einer der schnellsten der Welt ist er schon noch, aber die Welt der Hochleistungscomputer dreht sich schneller als die übrige. Resch macht das an einem Beispiel deutlich. Früher wurden Prototypen von Autos gebaut, um zu testen, wie sich ihre Form bei Unfällen verändert. Nach dem Crash bauten die Ingenieure wieder einen Prototyp, und am Ende einer langen Reihe stand nicht selten die Erkenntnis, dass es so nicht funktioniert. Jetzt hilft der Supercomputer, Irrwege in der Entwicklung zu vermeiden, indem er alles durchspielt. Im Rechenzentrum sind dafür 20.000 Prozessoren vernetzt, 2.500 Festplatten und 560 Kilometer Glasfaserkabel. Was gestern noch unmöglich erschien, ist längst von der Realität überholt. "1990 hätten wir für eine Unfallsimulation, die heute einen Tag braucht, eine Million Tage gebraucht", sagt der Professor. "Im Jahr 2000 wären es 1.000 Tage gewesen und in zehn Jahren werden es nur noch zwei Minuten sein."

Bei solchen Zahlen kann einem gewöhnlichen Aldi-PCNutzer schon mal schwindelig werden. Der Professor begegnet dem Wahnsinn mit landsmännischem Schmäh, ein bisschen humoristisch, ein bisschen verharmlosend. Das hat mit seinen biografischen Wurzeln zu tun. Michael Resch, 1964 in Graz geboren, ist Österreicher. Geprägt hat ihn vor allem sein Großvater. "Was du tust, das tue ganz", empfahl er dem Zögling. Der beherzigte den Rat, studierte in Graz Mathematik und entdeckte dabei vor anderen, dass schnellen Computern die Zukunft gehört. Er spezialisierte sich auf Parallelrechner und entschied sich früh, der Alpenrepublik den Rücken zu kehren, in der zwar die Berge hoch, aber die Anforderungen an Rechenmaschinen umso niedriger waren.

Mit 28 kam der Macher samt Gattin Ines nach Stuttgart. Eine Annonce in der Zeitung hatte ihn an den Neckar gelockt. Er hat es bis heute nicht bereut. "In der Welt gibt es nicht viele Unis, die es schaffen, Forschung und Entwicklung wie in Stuttgart mit der Praxis zu verbinden." Nebenbei sei es auch noch ganz hübsch, dass es gute Theater gibt, eine Oper, reichlich Wald und eine Autobahn auf die Schwäbische Alb, wo sich der ewige Grübler entspannen kann wie sonst nirgendwo.

Das ist auch bitter nötig in seinem Geschäft. Nach einer neunmonatigen Forschung in Houston, wo er sich mit den Grundlagen der Computersimulation befasst hat, leitet Resch seit 2002 das Höchstleistungsrechenzentrum, das auch vom Direktor nicht selten Höchstleistung fordert. 120 Tage im Jahr ist er unterwegs, doziert über intelligente Rechner und berät Unternehmen. "Ich betrachte mein Leben als Aufgabe", sagt er und verweist ein zweites Mal auf den Großvater, dem er noch einen zweiten Lehrsatz verdankt. "Erst das Notwendige, dann das Nützliche und am Ende das Angenehme!"

Blöd nur, dass der Professor schon in der täglichen Praxis mit dem Notwendigen kaum fertig wird. "Also mache ich mir halt das Notwendige möglichst angenehm", sagt Resch und grinst. Angenehm ist es für einen wie ihn, wenn sich Fakten und Fiktives immer wieder aufs Neue so vermengen, dass sich die Dinge zum Besseren verändern. Das passiert tatsächlich. Vor einiger Zeit haben Wissenschaftler den Stuttgarter Großrechner mit Daten über Flugzeuge gespeist. Am Ende des Rechenprozesses stand der Befund, dass sich 15 Prozent Treibstoff einsparen lassen, wenn die Flügeloberflächen optimiert werden.

Laufzeiten von Batterien, Klimamodelle für die Zukunft, Verbrennung von Motoren, dreidimensionale Bauwerke - Höchstleistungsrechnen ist die Formel 1 der Forschung. Sie kann Firmen Millionen sparen, aber sie kostet auch eine Menge. Damit die Stuttgarter vorne bleiben, kaufen sie nächstes Jahr einen neuen Supercomputer. 45 Millionen soll er kosten und zu den schnellsten drei in Europa gehören. Bezahlt wird die Rechenzeit von der Kundschaft aus Industrie und Forschung. Bei kompletter Nutzung der Anlage kommen da schnell mal 2.000 Euro pro Stunde zusammen.

"Ich möchte, dass die Physiker, die Chemiker, die Ingenieure, aber auch der Mittelstand hier ihre Probleme lösen können", sagt der Direktor. Fragen an die Zukunft gibt es mehr als genug. Lässt sich bald vorausberechnen, welcher Stent für einen vorher gescannten Herzpatienten mit verengten Gefäßwänden am besten passt? Lässt sich per Computer ermitteln, welches Hüftgelenk bei einem Menschen die längste Haltbarkeit verspricht?

Solche und andere Probleme treiben den Familienvater um, wenn er im Büro ist, seinen Tee neben das rote Sofa stellt, eine blaue Baumwolljacke überstreift und sich durch virtuelle Welten beamt. Ein moderner Abenteurer ist er, gesegnet mit Mutterwitz und einem Blick, der streng auf das Morgen gerichtet ist. "Ein Mensch lebt, wenn er weiß, was er tut. Ein Mensch, der das nicht weiß, existiert nur", sagt Michael Resch und packt seinen Rucksack. Es zieht ihn nach Hause, für eine Nacht ins Hier und Jetzt.

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.