Menschen in der Region Stuttgart

MENSCHENBILDER: Jahangir (42) und Bahareh (35) aus Paveh (Iran)

Foto: Lena Reiner

Foto: Lena Reiner

04.11.2015 | 

Jahangir, seit 2010 in Deutschland.

Weil er für die falschen Zeitungen schrieb und die falsche Meinung vertrat, musste Jahangir seinen Job als Journalist an den Nagel hängen und seine Heimat verlassen. Als politisch Verfolgter konnte er nicht einmal die Herausgabe der Bescheinigung seines Jurastudiums erwirken, das er kurz vor dem letzten Examen abbrechen musste. So kam er in Deutschland an und hatte: praktisch nichts. Nicht einmal sein Führerschein wurde anerkannt und auf die neu abgelegten Prüfungen folgte für ihn die zweijährige Probezeit eines Fahranfängers. "Du bist wie ein Baby, wenn du hier ankommst", beschreibt er den Zustand. Sein Studium und seine Berufserfahrung seien wertlos gewesen, zum einen fehlten die Unterlagen und sowieso sei das Rechtssystem nicht ähnlich genug, und für den Journalismus müsse er die deutsche Sprache erst aus dem Effeff beherrschen.

Es sei schlimm gewesen, dem Land, das ihm von Anfang an so viel geboten hätte - ein sicheres Leben nämlich - zunächst gar nichts zurückgeben zu können. Umso glücklicher sei er nun, endlich in Vollzeit zu arbeiten und Steuern zu zahlen. "Ich fühle mich hier zuhause, es ist meine zweite Heimat." Auch will er unbedingt betonen, dass er nie Opfer von irgendeiner Form von Rassismus geworden sei.

Bahareh, seit 2010 in Deutschland.

Der übliche Weg eines ausländischen Kindes führt in dem Stuttgarter Viertel, in dem die kleine Familie lebt, von der Grund- direkt auf die nebenan gelegene Hauptschule. Da die Lehrer jedoch so vom heute 13-jährigen Karia überzeugt waren, rieten sie dazu, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Dort besucht er nun die siebte Klasse und bringt bisher durchweg gute Noten nach Hause - und ab und an für Baharehs Geschmack ein bisschen zu viel Umgangssprache. Sie legt Wert auf eine korrekte Grammatik.

Sie selbst habe es etwas schwerer gehabt in der neuen Heimat. Ihre frühere Ausbildung zur Erzieherin wurde nicht anerkannt. Die in Deutschland begonnene brach sie nach der gescheiterten Suche nach einem Pflichtpraktikumsplatz ab. "Am Telefon waren alle sehr nett, vor Ort wurde mir dann immer gesagt, mit Kopftuch könne ich aber nicht arbeiten." Um dennoch etwas zu tun, begann sie ehrenamtlich im nahe gelegenen Flüchtlingsheim zu helfen. Inzwischen arbeitet Bahareh mit ihrem Mann hauptberuflich in der Erstaufnahmestelle in Meßstetten. "Es tut den Leuten gut, wenn sie etwas in ihrer eigenen Sprache hören." Sie seien hergekommen, um ein Leben in Sicherheit führen zu können. Das habe sich vom ersten Tag an erfüllt.

Dieser Beitag ist Teil der Serie "Menschenbilder" der Fotografin Lena Reiner (menschenfotografin.de). Mit der Serie zeigt die Region Stuttgart, dass sie Einwanderer willkommen heißt - und das schon seit vielen Jahrzehnten: In den 179 Kommunen leben 2,7 Millionen Menschen aus rund 180 Nationen. Gemeinsam machen sie die Region zu einem wirtschaftlich erfolgreichen, weltoffenen, lebendigen und kulturell vielseitigen Platz zum Leben und Arbeiten.