Menschen in der Region Stuttgart

Der Weg ist das Ziel

Habiburrahman Dastageeri, Sohn afghanischer Einwanderer, kommt nicht gerne vom rechten Weg ab. Deshalb hat der Stuttgarter Informatiker eine App für die Pilgerstätte der Muslime geschaffen, die aufhorchen lässt in der arabischen Welt.

20.01.2014 | 

In der Hochschule für Technik in Stuttgart zückt Habiburrahman Dastageeri sein Smartphone und startet das Programm. Es heißt „Amir“, arabisch für „Führer“. Ein Fingertipp und Amir öffnet sich wie das Felsentor der Schatzkammer bei Ali Baba. Ein Modell der Al-Haram-Moschee in Mekka tritt zum Vorschein und es beginnt der Wissenstest. „Wo befindet sich der grüne Bereich?“ ist eine der Fragen. Im grünen Bereich müssen die Pilger etwas schneller laufen. Mit dem Finger lassen sich verschiedene Orte wählen, nur einer davon ist richtig.

Wie kommt man auf die Idee, mitten in Schwaben, gut 5.000 Kilometer von Mekka entfernt, ein Programm zu schreiben, welches den Pilgern in der heiligsten Stadt das nötige Know-how vermittelt? Manchmal beginnen große Geschichten mit einem kleinen Irrtum. Diese ist so eine. Am Anfang steht die Reise eines Studenten aus Stuttgart, der alles richtig machen will bei seiner Pilgerreise in die Geburtsstadt Mohammeds und sich deshalb
gründlich einliest. „Da waren plötzlich unvorstellbar viele Menschen und alle hatten das Gleiche an“, sagt Habiburrahman Dastageeri. Er kam auf einen falschen Pfad und zugleich auf eine richtig gute Idee.

Sieben Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat sich einiges getan im Leben des Stuttgarter Softwareingenieurs. Vor wenigen Wochen hat er einen Vertrag mit der Saudi Telecom Company unterschrieben. Der größte Mobilfunkanbieter im Nahen Osten wird seine Mekka-App von jetzt an vertreiben. Für umgerechnet rund 2,50 Euro kann sich der internationale Pilger schwäbische Software herunterladen. Ein vielversprechendes Geschäftsfeld, wenn man bedenkt, dass jedes Jahr acht Millionen Menschen nach Mekka reisen, denen Herr Dastageeri nicht weniger sein will als ein guter Führer

Es ist ein nebeliger Wintermorgen an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Habiburrahman Dastageeri sitzt in einem vollgepackten Büro vor zwei Bildschirmen, während draußen die Studenten zu ihren Vorlesungen hasten. Der Erfinder ist nebenbei wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule, der er viel zu verdankenhat. Hier hat er studiert, hier kam seine Idee von der Mekka-App zum Fliegen. „Die Hochschule für Technik hat mich enorm gepusht“, sagt Dastageeri. Ohne sie wäre er nicht, was er ist: ein 33-jähriger Unternehmer mit eigener Software, welche das Zeug hat, die Welt zu verändern. Jedenfalls die der Muslime, was insofern auch betriebswirtschaftlich von Belang ist, als deren Zahl weltweit auf 1,6 Milliarden geschätzt wird.

Eine hübsche Karriere für einen, der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist. Seine Eltern stammen aus Afghanistan, er selbst ist nie dort gewesen. Dastageeri kam in Mainz als Sohn eines Entwicklungshelfers und einer Lehrerin zur Welt. Als er die achte Klasse hinter sich hatte, siedelte die Familie in den Stuttgarter Westen um. Er machte in der Landeshauptstadt sein Abitur, betreute als Zivi Schwerstbehinderte und schrieb sich später für ein Informatikstudium ein. Vielleicht wäre alles anders gekommen ohne diese Pilgerreise im Jahr 2006. Mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern flog er nach Mekka und verfehlte im Getümmel die vorgegebene Route. Diese Panne war für die innere Reinigung nicht weiter von Belang, ließ ihn aber gedanklich nicht mehr los. Heute, wo fast jeder ein Handy hat, sagte sich Dastageeri nach seiner Rückkehr, könnte ein handliches Navigationsprogramm für den modernen Pilger nicht schaden. Sprach’s und machte diese Vision zu seiner Masterarbeit an der Hochschule für Technik. In Prof. Volker Coors fand er einen Mentor, der ihn bis heute fördert. Auch die Wirtschaftsministerien in Bund und Land haben den Pionier unterstützt.
Leider dauert es seine Zeit, bis sich gute Ideen durchsetzen. Dastageeri weiß das und lächelt die Zweifel an seinem Schreibtisch weg. Vor ihm liegt ein Buch von Abu Muneer Ismail Davids, einem Australier, der als Spezialist für Pilgerreisen nach Mekka gilt. Auf der zweiten Seite gibt es eine Widmung. „To Brother Habbiburrahman, may Allah make your journey easy for you.“ Der Experte aus Australien hat seine Software umfassend geprüft und für gut befunden. Ebenso das saudische Hadsch-Ministerium und die Universität von Mekka. Das kommt einem Ritterschlag gleich.

Vielleicht wird er noch reich mit seiner Idee, wer weiß? Die Perspektiven sind jedenfalls verheißungsvoll. Eine Reise nach Mekka ist der Höhepunkt im Leben gläubiger Muslime. Wer es sich finanziell erlauben kann, ist nach der gängigen Lehre gehalten, sich auf den Weg zu machen. Die Nachfrage ist riesig. Wie bei einer gigantischen Messe treffen sich in Mekka höchst unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Der englische Pilger tickt anders als der iranische. Es gibt die Umrah, die drei Stunden dauert, und es gibt die Hadsch, die sich über sechs Tage erstreckt. Die Pilger müssen eine ganze Reihe von ritualisierten Aufgaben in festgelegter Reihenfolge bewältigen. „Für Hadsch und Umrah gibt es 48 verschiedene Varianten“, sagt Dastageeri. Es komme darauf an, welcher der vier Rechtsschulen man angehört, ob man Mann oder Frau sei, und für welche der drei Hadsch-Arten sich der Gläubige entscheide.

„In der Religion geht es letztlich darum, das Miteinander mit allen Menschen zu verbessern“, erklärt der gläubige Muslim sein Weltbild. In diesem  Sinne versteht er auch seine Software. Sie verbessert das Miteinander an einem Wallfahrtsort, für den jedes Jahr mehr als sieben Millionen Visa ausgestellt werden. Mitunter kann es passieren, dass plötzlich Hektik ausbricht oder einige Schafe aus der großen Herde für einige Tage als vermisst gemeldet werden, weil sie komplett die Orientierung verloren haben. Dagegen hilft der Wahlschwabe mit afghanischen Wurzeln auf seine Art.

Seine App führt die Pilger vom Morgengebet bis zum Nachtpflichtgebet, es bereitet sie vor, klärt sie über Verbote auf und unterzieht sie einem Vorbereitungstest. Vor Ort kann das Programm verirrte Gläubige mittels GPS buchstäblich auf den rechten Weg führen. „Wir spinnen diese Idee jetzt noch weiter“, sagt der hagere Softwareentwickler mit dem gütigen Gesicht. In der zweiten Stufe sollen die Pilger auch physisch und psychisch vorbereitet werden, auf dass sie möglichst nicht in Panik geraten. Neulich war Dastageeri deshalb auf der Hadsch-Konferenz in Malaysia, wo er seine Ideen der erweiterten „Fitness App“ vortragen konnte. Im Malaysia nimmt man die religiöse Zeremonie besonders ernst. „Bis zu zehn Jahre warten die Pilger auf ihr Visum“, sagt Dastageeri. „Und sie bekommen es nur, wenn sie vorher ein Schulungsprogramm durchlaufen und eine Prüfung abgelegt haben.“

Manche Geschäftsleute werden von der Gier getrieben, Habiburrahman Dastageeri treibt eher die Neugier. Er weiß nicht genau, was kommt, aber er ist gespannt darauf. Für sein Projekt verbringt er jedes Jahr Monate im Ausland. „Ich bin dann immer wieder froh, wenn ich zu Hause bin“, sagt er. „Um international sein zu können, braucht man einen Platz, an den man zurückkehren will.“ Was den ganz persönlichen Wallfahrtsort betrifft, ist Dastageeri fündig geworden. Im vergangenen Jahr hat er in Stuttgart geheiratet.

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.

Quelle: Michael Ohnewald