Menschen in der Region Stuttgart

Car to X

Wohl dem, der ein gutes Näschen hat. Edwin Tscheschlok ist so einer. Vor 13 Jahren hat er sich mit Gigatronik selbstständig gemacht. Heute zählt der Entwicklungspartner für Elektronik und Informationstechnologie mehr als 900 Mitarbeiter.

Edwin Tscheschlok von Gigatronik (Foto: Gigatronik)

Edwin Tscheschlok von Gigatronik (Foto: Gigatronik)

15.06.2014 | 

Am Anfang sind Fische. Schweigend ziehen sie ihre Bahnen durch ein Salzwasserbecken. Die einen schwimmen oben, die anderen unten. Fast wie im richtigen Leben. Wer zu Edwin Tscheschlok will, muss hier vorbei. Das Aquarium ziert den Empfang der Gigatronik-Gruppe, was durchaus passt zu einer vernetzten Firma, die sich so manchen großen Fisch geangelt hat.

Der Chef arbeitet zwei Etagen weiter oben. Dr. Edwin Tscheschlok, Jahrgang 1957, Randlos-Brille, weißes Hemd, schwarze Jeans, steht von seinem Schreibtisch auf und holt sich einen Kaffee aus dem Automaten. Er lässt nicht holen. Er holt selbst und flachst dabei mit der Sekretärin, die Besseres zu tun hat.

Vielleicht wird man so, wenn man sich tagtäglich jenseits eingefahrener Strukturen bewegt. „Ich habe Freude am Neuen“, sagt er. „Das brauchst du, sonst bleibst du stehen.“ Und stehen bleiben ist nicht sein Ding. „Rara sunt cara“, sagten die alten Römer. Seltenes ist wertvoll. Tscheschlok hat das verinnerlicht und mit dieser besonderen Tugend in wenigen Jahren ein beeindruckendes Unternehmen auf die Beine gestellt. Gigatronik gehört mit 82 Millionen Euro Jahresumsatz mittlerweile zu den 20 weltweit erfolgreichsten Entwicklungs- und Consultingdienstleistern. An elf Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen mehr als 900 Mitarbeiter auf der Lohnliste. Beauftragt werden sie von den führenden Autokonzernen, Kfz-Zulieferern und Technologiefirmen der Republik.

Muss man sich da nicht manchmal selbst zwicken, um sich zu vergewissern, dass man nicht träumt? Edwin Tscheschlok zögert für einen Moment und erzählt von seinem ersten Businessplan, in dem er ganz unbescheiden vorausgesagt hat, dass der Laden brummen würde. Mit einem Jahresumsatz von 600.000 Euro hat Gigatronik 2001 angefangen. Ein Jahr später waren es 9,5 Millionen.

„Am Mute hängt der Erfolg“, hat Theodor Fontane einmal gesagt. Tscheschlok hatte den Mut, eine gute Portion Erfahrung und vor allem hatte er ein sicheres Gespür dafür, dass die Autos der Zukunft mit Bordcomputern unterwegs sein würden, von Sensoren gespeist und mit der Außenwelt vernetzt, auf dass es der Fahrer der Moderne bequem hat und das Einparken seinem klugen Mobilitätsdienstleister überlässt.

In den 1990er-Jahren klang das nach einer Erzählung von Jules Verne. Nur wenige haben daran geglaubt wie Edwin Tscheschlok und seine Kollegen der ersten Stunde, die eine neue Verschmelzung von IT, Elektronik und Mechanik in der Automobiltechnik für so wahrscheinlich hielten, dass sie ihre Zukunft darauf bauten. „Mich interessiert, wohin die Welt geht“, sagt er. Das geht schon länger so bei ihm. Genau genommen seit der Kindheit, die er in Stuttgart verbracht hat. Die Mutter war gelernte Karosserieflaschnerin und vermachte ihrem Filius das Gesellenstück, ein Tretauto für Kinder. Der Vater hatte es eher mit größeren Modellen. Er leitete den Motorenversuch bei Mahle und brachte immer wieder besondere Fahrzeuge nach Hause, vom Citroen bis zum Ferrari. Das prägt.

Edwin Tscheschlok studierte Technische Kybernetik und jobbte nebenbei am Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren in Stuttgart. Es gab dort einen Windkanal, an dem Autokonzerne ihre Karossen testeten. Es war die Zeit der Lochkarten. „EDV mit der Hand am Arm.“ Die Autos waren damals oft kantig. Der junge Diplom-Ingenieur arbeitete an windschnittigeren Modellen, beschäftigte sich mit Umströmung von Rädern und mit der Geometrie von Fahrzeugen. Die ersten Simulationen kamen auf. Zehn Jahre blieb Tscheschlok am Forschungsinstitut.

Nach der Promotion stand ihm der Sinn nach Veränderung. Einer der großen Entwicklungspartner, IVM-Engineering, suchte einen Fachmann, der sich um ein junges Themenfeld kümmert, von dem man noch nicht recht wusste, was daraus werden soll: Automobilelektronik. Tscheschlok begann als einfacher Mitarbeiter, wurde Teamleiter, Abteilungsleiter und Ressortchef. Zwölf Jahre baute er die Car IT auf. Wie das so ist in großen Unternehmen, gibt es viele Player und nicht immer weiß man, wie sie spielen. Tscheschlok wollte sein eigener Herr sein – und wagte 2001 den Schritt in die Selbstständigkeit.

Seitdem ist viel passiert. „Im Rückblick betrachtet sind wir genau zur richtigen Zeit auf den Markt gekommen“, sagt der Ingenieur und streift mit dem Zeigefinger über die eigene Nase. Er hatte den richtigen Riecher. Gigatronik verstand das Automobil von Anfang an als Teil eines weltumspannenden Datennetzes. Die Branche goutierte das. Es ging steil bergauf.

Als Vorsitzender der Geschäftsführung ist Tscheschlok oft unterwegs und nicht selten auch eine Art Trendscout. „Ich bin gerne am Puls der Kunden und der Zeit“, sagt er. Dafür setzt sich der Vorsitzende der Geschäftsführung häufig selbst ans Steuer und braust durch halb Europa. „Das muss man wollen“, sagt er. „Sich immer wieder in Neues hineindenken und einarbeiten.“ Ihn hält das fit wie das Golfen, das er für sich entdeckt hat, und wie das Reisen. Unlängst war er in Asien. Manche lassen es langsam angehen. Er nicht. 14 Flüge in drei Wochen. Danach hatte er aufgetankt für die Firma zu Hause.

Gigatronik arbeitet an den Autos der Zukunft, hat Aufträge in der Agrartechnik, entwickelt Baumaschinen oder maßgeschneiderte Apps. Der Markt giert nach Innovationen. In einem Fahrzeug der Oberklasse sind heute mehr als 100 elektronische Systeme installiert, die durch eingebettete Software kommunizieren. Noch so manche Vision schlummert in den Köpfen seiner Ingenieure. Dabei kommt den Stuttgartern ein Trend zupass: Verstärkt beauftragen die großen Player gezielt Entwicklungspartner mit kompletten Aufgabenpaketen, um mehr Kapazitäten in den Kernfeldern des eigenen Unternehmens zu bekommen. Das heißt im hart umkämpften Engineering-Sektor wachsen oder weichen. „Langfristig wird es eine Konzentration der Entwicklungsdienstleister in Deutschland geben, denn vielen kleineren Firmen fehlen schlichtweg die Ressourcen“, sagt Tscheschlok.

Es gibt viele Projekte, die ihn umtreiben. Über die wenigsten kann er reden. Eines davon ist der neue Aston Martin mit Wasserstoff-Verbrennungsmotor. Gigatronik kümmert sich um die Elektronik des Steuergerätes. „Ein Leuchtturmprojekt“, sagt Tscheschlok. Auf dem Schreibtisch schnarrt das Handy. Der Chef ist gefragt, nicht zuletzt als Navigator. Car to X – niemand weiß so recht, wohin die Reise geht in Sachen Mobilität. Tscheschlok hat zumindest das Ohr auf der Schiene. Eine Prognose wagt er für die großen Ballungszentren und Megacitys, wo sich heute kaum noch ein Rad dreht. „Das wird der Elektromobilität Vorschub leisten“, sagt der Unternehmer, und: „Der Hybrid kann die Brücke bauen, bis die Technik so weit ist.“

An den Fischen am Firmenempfang flanieren die Mittagstischler vorbei. Zeit für eine Pause. Edwin Tscheschlok widmet sich dem Handy, das keine Ruhe gibt. „Mir macht das immer noch jeden Tag Spaß“, sagt er. Draußen vor seinem Bürofenster wird Spargel gestochen. Drinnen fällt das Mittagessen des Chefs mal wieder aus.

Text: Michael Ohnewald

Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden, die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179 porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende Persönlichkeiten aus der Region.