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Das „Württembergisch' Wunderbad“

Einheit von Körper und Seele und noch viel mehr - Bad Boll ist mehr als ein Kurort

22.08.2013 | 

Heute heißt es oft Wellness, wenn sich langweilige Kurstädtchen mit bunten Sprudelbädern modern verkaufen wollen. Ein Ort, der das nicht nötig hat, ist Bad Boll, wo die Gesundheit für Körper und Seele eine lange Tradition hat und das mit einigen Besonderheiten aufwartet. Die Gemeinde blickt auf eine über vierhundertjährige Bädergeschichte zurück und liegt – die Schwäbische Alb direkt vor der Haustür – idyllisch eingebettet zwischen Wiesen und Wäldern.

"Württembergisch‘ Wunderbad" wurde der Ort im Volksmund lange Zeit genannt. Der Ausdruck stammt aus dem 16. Jahrhundert, als man bei Grabungsarbeiten erstmals auf Versteinerungen von Meerestieren stieß. Es ist nicht das einzige Wunder geblieben. Gleich drei ortsgebundene Heilmittel hat Bad Boll seinen Besuchern zu bieten: die jahrhundertealte Schwefelquelle, den Boller Naturfango, der seit den 1930er-Jahren angewendet wird, und das 1972 erschlossene Thermal-Mineralwasser. Diese Kombination ist für einen Kurort einzigartig.

Es bleibt nicht beim Wasser als Heilmittel

Darüber hinaus bietet Bad Boll weitere "Heilmittel", die großen Anklang finden. Der Ort ist ein Schmelztiegel vieler geistiger Strömungen. Hier wurde die erste Evangelische Akademie gegründet, die Herrnhuter Brüdergemeine fand ein Zuhause sowie viele anthroposophische Einrichtungen. Seit 1937 zog das Heil- und Erziehungsinstitut Eckwälden in das Blumhardthaus im Ortsteil Eckwälden ein. Hier ließ sich nach dem zweiten Krieg das Unternehmen Wala nieder, das weltweit mit Kosmetik- und Arzneiprodukten erfolgreich ist. Hier findet sich das Rudolph-Steiner-Seminar für Heilpädagogik ebenso wie die Margarethe-Hauschka-Schule für Künstlerische Therapie und Massage und das Seminar für freiheitliche Ordnung.

Eines der traditionsreichsten Bäder in Deutschland

Alles begann damit, dass Herzog Friedrich I. von Württemberg 1595 einen Brunnen graben ließ, um eine Schwefelquelle zu fassen. Die Sandsteine der damals gefertigten Mauer schützen die Quelle nun seit 400 Jahren. Heinrich Schickhardt, der Hofarchitekt des Herzogs, erhielt den Auftrag, ein "stattliches Bad" zu erbauen. Er errichtete ein Badgebäude und einen Lustgarten an, in dem die Badegäste zwischen Hecken und Blumenrabatten im Stil der Renaissance lustwandeln konnten. Für den Schwefelbrunnen konstruierte Schickhardt ein Paternoster-Schöpfwerk und eine Heizanlage zum Erhitzen des Wassers. In der großen Badestube badeten die Gäste in abgedeckten Holzzubern, aus denen nur der Kopf herausschaute. Das Kurhaus gehört mit seiner über 400-jährigen Geschichte zu den traditionsreichsten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Heute ist dort eine renommierte Rehaklinik untergebracht, die keine Wünsche offen lässt.

Lauschige Plätzchen und fantastische Aussichten

Die heutige Ansicht geht auf König Wilhelm I. zurück, der das Bad 1823 erweitern ließ. Der alte Schickhardtbau wurde in den klassizistischen Neubau einbezogen. Entstanden ist eine schlossähnliche Anlage, die als Juwel im Kurpark mit seinem alten Baumbestand thront. Hinter dem Kurhaus führen Wege zwischen Wiesen und Obstbäumen sanft Richtung Albtrauf hinauf. Hier befindet sich das Belvedere, ein kleiner Rundtempel aus dem Jahr 1824, der heute nur als schwäbisches „Tempele“ bekannt ist. Von dort aus reicht der Blick weit über das Filstal bis zu den drei Kaiserbergen Hohenstaufen, Rechberg und Stuifen.

Ein Pfarrer kauft das Kurhaus

1852 erwirbt der Pfarrer Johann Christoph Blumhardt mit Hilfe vermögender Freunde das Haus und es wird eine neue Seite in der Bad Boller Geschichte aufgeschlagen. Die charismatische Gestalt Blumhardts, der aus der religiösen Erweckungsbewegung kommt und die Zeitgenossen mit persönlichem religiösen Erleben überzeugt, zieht viele Menschen in die Kurstadt. Bis zu seinem Tod 1880 leitet er im Kurhaus, das sich damals Königlich Württembergisches Bad für die Oberen Stände nannte, ein Seelsorgezentrum. Dorthin zog es Gäste aus ganz Europa, adelige wie bürgerliche. Sein Sohn Christoph Friedrich übernimmt 1880 die Leitung des Hauses und wendet sich den sozialen Nöten der Menschen seiner Zeit zu.

Blumhardts Literatursalon

In Blumhardts Literatursalon, einer literarische Gedenkstätte, die von der Evangelischen Akademie Bad Boll in ihrer Villa Vopelius präsentiert wird, lässt sich der Zeit nachspüren, als in Bad Boll Blumhardt und sein Sohn Christoph auch als Schriftsteller und Literaturbegeisterte wirkten und sich Verbindungen unter anderen zu Eduard Mörike, Ottilie Wildermuth, Ludwig Richter, Hermann Hesse, Gottfried Benn und Karl Barth ergaben. 1920 schenkten die Erben von Christoph Blumhardt das Anwesen der Herrnhuter Brüdergemeine, die es 1999 an die Diakonie Stetten verkauft. So spricht man neben den drei berühmten Bad Boller Heilmitteln auch von einem vierten Heilmittel: dem Wort Gottes und der Seelsorge.

Wurzeln der Evangelischen Akademie Bad Boll

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Kurhaus zur Geburtsstätte der Kirchenleitung der Herrnhuter Brüdergemeine im Westen und der Evangelischen Akademie Bad Boll. Diese gestaltet Tagungen und Projekte zu offenen Fragen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Theologie. Die Angebote sind offen für jeden und ermutigen dazu, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Seit ihrem Bestehen zählte die Akademie Bad Boll rund eine Million Tagungsgäste. Die Bildungsstätte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wurde zum Vorbild für andere Landeskirchen, die mit Gründungen eigener Akademien nachzogen. Der Akademie-Gedanke hat sich über die Kirchen der EKD und die Katholische Kirche hinaus über Europa und darüber hinaus verbreitet.

Berta, die Ortsheilige

Sogar mit einer Ortsheiligen kann Bad Boll aufwarten. Berta von Boll, eine Enkelin Kaiser Heinrichs IV., stiftete die noch heute bestehende dreischiffige Pfeilerbasilika Sankt Cyriakus, die im ursprünglichen romanischen Stil erhalten ist, sowie ein Chorherrenstift. Zur „Ortsheiligen“ wurde die Stifterin, die der Legende nach Mehl für die Armen gespendet und damit ein „Bertamahl“ begründet hat, das noch heute in Bad Boll hochgehalten wird. Am 3. Oktober 2013 wird nahe der Evangelischen Stiftskirche eine Stauferstele eingeweiht. Der Standort in Bad Boll erklärt sich aufgrund der Verbindung der Gräfin zum Geschlecht der Staufer.

Die Boller Landtafel

Als das Bad in Boll gegründet wurde, wollte der Herzog die Bessergestellten für einen Besuch am Albtrauf gewinnen. Werbung machte er mit der Hilfe des 1596 erschienenen berühmten Badbuchs, das sein Leibarzt Johannes Bauhinus verfasste. Darin bildete er nicht allein Versteinerungen, Obstbaumarten und Früchte ab, sondern bekundete auch seine Untersuchungen zur Heilwirkung der Schwefelquelle, ."...von der wundersamen Krafft und Würkung des Wunderbrunnen und Heilsamen Bads zu Boll ...". Eine besondere Beigabe war die sogenannte Boller Landtafel, die erste Karte der Gegend um Boll und die älteste gedruckte Spezialkarte Württembergs. Der sechsteilige Holzschnitt zeigt anschaulich das Leben in der Badestadt und der Umgebung. Die Darstellungen gehen auf die prunkvollen Darstellungen im Festsaal des Stuttgarter Lusthauses zurück, in dem die württembergischen Herzöge ihren Herrschaftsanspruch dokumentierten.

Nicht nur Kurschatten kommen auf ihre Kosten

Dennoch stellen Kurgäste heute nur einen Teil der Besucher. Auch Radfahrer, Wanderer, Fossiliensammler, Botaniker, Feinschmecker, Musikliebhaber und Kunstinteressierte finden hier ideale Möglichkeiten. Sie lauschen den monatlichen Konzerten im königlichen Festsaal des ehemaligen Kurhauses, kaufen donnerstags auf dem Bad Boller Bauernmarkt Produkte aus der Region, klopfen im Jurafangowerk Fossilien aus dem Stein, wandern und radeln in der abwechslungsreichen Landschaft, besuchen das unweit gelegene Naturschutzgebiet Teufelsloch oder den Heilpflanzengarten von Wala und gehen danach den ."historischen Weg." durch Eckwälden. Die gesunde Luft und ein ausgeglichenes Klima machen den Aufenthalt am Albtrauf sehr erholsam. Bad Boll liegt zwar nur auf 427 Metern über dem Meer. In alten Büchern wird das reizmilde Klima dennoch mit dem Hochgebirgsklima von Davos verglichen.

http://www.bad-boll.de